Eine Analyse der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins „Denk-doch-MAL“
Die berufliche Weiterbildung in Deutschland wird von der Politik als entscheidender Hebel zur Bewältigung des Strukturwandels gesehen. Mit dem Qualifizierungschancengesetz (2019), dem Arbeit-von-morgen-Gesetz (2020) und dem Gesetz zur Stärkung der Aus- und Weiterbildungsförderung (2023) wurden umfassende Reformen eingeführt. Doch wie wirkungsvoll sind diese Maßnahmen in der Praxis? Die aktuelle Ausgabe des Online-Magazins Denk-doch-MAL geht dieser Frage nach und beleuchtet die unterschiedlichen Perspektiven von Wissenschaft, Gewerkschaften und Unternehmen.
Bereits im Februar wurde ich angefragt, ob ich auf meinem Blog nicht einmal die App “studypilot” vorstellen möchte. Nach ein paar Monaten hat das jetzt geklappt.
studypilot ist eine App, die den Anspruch hat, dass man allein mit ihr und seinem Tablet in der Schule arbeiten kann. Dafür gibt es diverse Funktionen, wie einen Stundenplan oder Notizen. Entwickelt wurde die App von den Schülern Moritz, Julian und Joshua. Während Corona wuchs die Idee heran, weil es noch keine App gab, die gleichzeitig hochwertig und einfach zu bedienen war, und dazu alle relevanten Funktionen aufwies.
Bevor wir näher auf die Philosophie des Unternehmens blicken, das die jungen Entwickler – mittlerweile zu viert – betreiben, kommt erst einmal eine Vorstellung der App und ein kleiner Test ihrer Funktionen. Verfügbar ist sie für alle Android-, und iOS-Tablets und auch für Windows-PCs.
Der App-Test
Für meinen App-Test bekomme ich einen Test-Account gestellt, mit dem ich mir sehr schnell das Programm herunterladen kann. Die erste Erkundungstour gab es für mich auf dem Windows-PC. Aber gerade Schüler*innen, die mit Tablet und Stift arbeiten, sollen von studypilot profitieren.
Was mit gleich zu Beginn auffällt – studypilot ist sehr übersichtlich. In der Startseite werden neben der Begrüßung das Datum, wichtige Notizen, Aufgaben und der Stundenplan für den Tag angezeigt.
Die Startseite ist wie die ganze App sehr übersichtlich gestaltet
Die Notizfunktion ist im Wesentlichen fürs Tablet mit integriertem Stift nützlich. Hier kann man alles aufschreiben, was im Unterricht dokumentiert werden muss, ob Tafelbild oder Hausaufgabe. Eine Funktion, um auch mit Tastatur schreiben zu können, wird noch entwickelt, man kann sie bereits testen. Die Einstellungen sind sinnvoll, vom Blatthintergrund über die Blattgröße bis zur Schriftfarbe ist alles möglich. Eine klassische Funktion also für alle, die mit dem Tablet arbeiten. Weitgehend ohne Experimente, sehr hilfreich.
Der Reiter Aufgabenist der Ort, an dem Hausaufgaben aufgeschrieben werden können. Eine neue Aufgabe ordnet man dem Schulfach zu und wählt einen Zeitraum aus, in dem sie erledigt werden muss. Dann wird der zu erwartende Aufwand eingetragen. Alle Aufgaben werden nach dem Speichern angezeigt, nach Dringlichkeit sortiert. Mit einem Klick wird eine Aufgabe als “in Bearbeitung”, oder “abgeschlossen” markiert.
Im Kalenderkönnen Termine eingetragen werden. Die Ferien werden nach dem jeweiligen Bundesland importiert. Auch hier gibt es Titel und Beschreibung. Dann muss man nur noch Farbe und Zeitraum einstellen. Seine Termine kann man sich dann in der Tages- und Wochenansicht anzeigen lassen. Die “Übersicht” zeigt die nächsten Termine an.
Der Stundenplan kann individuell angepasst werden, auch mit A- und B-Wochen
Einen digitalen Stundenplan hat studypilot auch. Die Fächer, die man in den Einstellungen bearbeiten kann, lassen sich direkt in die entsprechenden Zeiten ziehen. Auch wochenspezifische Stundenpläne sind möglich.
Die wohl hilfreichste Funktion sind die Noten. Diese können, sortiert nach Fächern, eingetragen werden. Natürlich trägt man auch die Gewichtung der jeweiligen Note ein. Den Schnitt bekommt man dann sofort angezeigt.
Wer neue Funktionen ausprobieren möchte, die noch nicht fertig entwickelt sind, kann sie im Labor aktivieren und austesten. So kann man in der Early Access schon mit Tastatur schreiben.
Fazit
Das wichtigste Fazit – studypilot macht nichts neu. Aber das muss es auch gar nicht! Die Funktionen sind wirklich einfach zu bedienen, und es fehlt an Nichts im Schulalltag. Dazu kommt, dass die App vollkommen kostenlos ist und ohne Werbung auskommt.
Mein Gespräch mit den Entwicklern von studypilot
Nach meinem App-Test hatte ich Gelegenheit, mit drei der vier Entwickler zu sprechen. Die ursprüngliche Idee kam Moritz im Sommer 2021. Damals waren wir mitten in der Coronapandemie, und der Unterricht musste digitaler werden. So wurden auch Tablets zugelassen, und Moritz suchte nach passenden Apps dafür. Sein Ergebnis: ja, es gab Apps, aber entweder waren sie zu kompliziert, oder sie hatten nicht alle nötigen Funktionen. Deswegen entwickelte er sich einfach eine eigene App, holte seine Freunde Joshua und Julian ins Boot, und gemeinsam entstand die Idee, das Projekt professionell aufzubauen, von Schülern für Schüler*innen.
Von einer Idee zum eigenen Unternehmen
Das erste Jahr wurde also fleißig entwickelt. Dabei greifen die Entwickler auf eine Vielzahl von Open-Source-Angeboten zurück, ohne die ein Projekt, wie dieses für vier Jugendliche nicht umsetzbar wäre. Im Sommer 2023 stand dann fest, dass die App offiziell released werden konnte. Um professionell zu sein, kooperierte man mit einem Unternehmen, ohne das die Gründung nicht möglich geworden wäre. Und im Juli 2023 saßen Moritz und Jan, beide frisch 18 geworden, dann beim Notar und unterschrieben den Gesellschaftervertrag für die “studypilot UG”. Mittlerweile hatte die App immer mehr an Usern gewonnen, und auch eine Feedbackseite war eingerichtet. Zu den organisatorischen Aufgaben zählte bald auch die Zusammenarbeit mit dem Anwalt des Unternehmens, um noch besser in Sachen Rechtsfragen gewappnet zu sein. Aber auch designtechnisch machte studypilot weiter Fortschritte. Die vier stellten sich Investor*innen und anderen Unternehmensgründer*innen vor, nahmen Beratung in Anspruch.
Ab in die Zukunft
Und wie geht es in die Zukunft? Bis jetzt hat studypilot noch keinen Gewinn erwirtschaftet, und das gewollt. Schließlich soll die App dazu da sein, um den Schüler*innen im Alltag zu helfen. Zukünftig ist aber geplant, eine Premiumversion einzurichten. Das Prinzip dabei: alles was für den Schulalltag nötig ist, bleibt kostenlos. Zusätzliche Funktionen hinter der Premiumschranke geben dann einen zusätzlichen Produktivitäts-Boost.
Engagement statt Profit
Spricht man mit den Entwicklern, dann fällt auf – Geld, Ruhm, Aufmerksamkeit ist nicht das, was sie wollen. Ihr Ziel ist es einfach, Digitalisierung an Schule voranzubringen. Deshalb wollen sie zukünftig auch mehr mit Schulträgern oder sogar Ministerien zusammenarbeiten. Denn studypilot ist nicht revolutionär, sondern einfach eine simple, eingängige Lösung für den Schulalltag. Tools aus anderen Apps werden übernommen, immer mit dem Anspruch, sie noch besser zu machen. Die Datenschutzstandards sind dabei höher als die der Konkurrenz, sodass einer Kooperation mit Schulträgern nicht mehr viel im Wege steht.
*Alle Bilder sind Screenshots aus der Laptopversion der App “studypilot”
Am 9. Juni findet in Deutschland die Wahl zum Europäischen Parlament statt. Unter den 34 großen und kleinen, etablierten und neuen Parteien sind auch welche, die Bildung zum europäischen Wahlkampfthema machen wollen.
Eins meiner Hobbies ist das Radio machen. Alle vier Wochen betreibe ich auf dem nichtkommerziellen Bürgerradio Radio Rheinwelle in Wiesbaden meine Sendung “youth@home”. Und zur Europawahl habe ich 24 Parteien zu ihren Zielen befragt. Die Bildungsziele, die dabei herausgekommen sind, möchte ich hier vorstellen. Das Ziel des Beitrags? Vorzustellen, was die Politik gerade von Bildung denkt. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich keine Wahlwerbung machen.
“Europäische Perspektiven stärken”
Die SPD hat sich in ihrem Wahlprogramm das Ziel gesetzt, dass jeder Jugendliche bis 25 mindestens einen Auslandsaufenthalt gemacht haben sollte. Ob mit der Schule, dem Verein oder privat – so soll Europa jungen Menschen nähergebracht werden, ganz unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Möglich werden soll dies mit einer Förderung des Schulprogramms “Erasmus+”. Lehrkräfte können jetzt schon online geplante Auslandsaufenthalte zwischen 2 und 30 Tagen einreichen, die dann von der Europäischen Union finanziell unterstützt werden.
“Bildungssystem modern und digital”
Von Natur aus eng mit dem Thema Lernen verbunden ist die Partei der Humanisten. Ihr Ziel ist es, Politik auf Basis der Wissenschaft zu machen, also rational und faktenbasiert. Nur aus den Fakten, nicht aus Ideologie entwickelt die Partei ihre jeweilige Position. Religionsunterricht will die Partei abschaffen und ihn durch verpflichtenden Ethikunterricht ersetzen. Schule soll allgemein in einem individuellen Lerntempo passieren, mit freien Lernzielen und hoher Digitalisierung. Außerdem soll Bildungspolitik bundesweit vereinheitlich werden. Man stelle fest – das alles hat erstmal wenig mit Europa zu tun. Und neu ist das alles auch nicht, was erst einmal nur eine Beobachtung ist.
“Kein Militär an Schulen”
Eine von mehreren extrem linken Parteien bei der Europawahl, die “Sozialistische Gleichheitspartei”, forderte im Interview ganz klar, dass es Jugendoffizieren der Bundeswehr verboten werden solle, in der Schule fürs Militär zu werben. Hintergrund: immer mehr Jugendoffiziere informieren für die in Vorträgen Schüler*innen über die Bundeswehr. An Schulen ist das bereits seit 1958 gang und gäbe, obwohll nicht in allen Bundesländern erlaubt1. Die SGP sieht darin klare Werbung und möchte auch Verteidigungsbildung in der Schule mit allen Mitteln verhindern.
“Mehr Medienbildung & politische Bildung”
Einen ganz ähnlichen Ansatz wie die Partei der Humanisten verfolgt die Partei des Fortschritts. Sie möchte politische Diskussionen immer vom Thema her denken und verortet sich ganz klar nicht im politischen Links-Rechts-Spektrum. Die PdF will Medienbildung im digitalen Zeitalter fördern. Politische Bildung soll – neben bestehenden Fächern wie “Politik und Wirtschaft” oder “Sozialkunde” ein eigenes Schulfach werden. Erasmus+ will die Partei auf soziale Tätigkeiten hin ausbauen.
“Aus-bildung stärken”
Zwei größere Parteien, die inhaltlich generell nicht weit auseinanderliegen, stimmen auch bei einem europäischen Bildungsthema überein – der Anerkennung von Berufsabschlüssen. Diese sollen international vereinfacht werden, um den europäischen Wirtschaftsraum zu stärken und innereuropäische Migration zu vereinfachen.
Wenn ich auf die Bildungsziele der Parteien blicke, stelle ich fest- wirklich neu ist wenig, Innovation kann mit einigen der Ziele aber durchaus erreicht werden. Meiner Ansicht nach hätte es diese Forderungen genau so auch bereits vor zehn Jahren geben können, sie wären genauso wie jetzt im Hintergrund versandet angesichts scheinbar unendlich wichtigeren Themen. Was damals Wirtschaftskrise war, ist heute Migration und Ukraine-Krieg. Trotzdem finde ich es interessant, welche unterschiedlichen Ansichten die Parteien auf das Thema Bildung haben. Sicherlich gäbe es noch viel mehr Ziele. Aber all das wurde mir während 10-Minten-Interviews persönlich gesagt. Ein entscheidender Faktor, was die Relevanz für die Parteien angeht.
Schule als Pflicht, Bildung als Recht – wie viel Wissen braucht es, um im Leben erfolgreich zu sein? Und wie kann das deutsche Bildungssystem verbessert werden? Bildungsexperte Prof. Dr. Olaf Köller gibt MADS Antworten
Kinder und Jugendliche in Deutschland haben nicht nur die Pflicht zur Schule zu gehen, sondern auch ein Recht auf Bildung. Das Bundesverfassungsgericht hat dies während der Corona-Pandemie betont und die Bundesländer aufgefordert, den Unterricht trotz Schulschließungen fortzusetzen. Bildung ist deswegen so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft der Zugang ist zu Arbeit, zu Geld und zu lebensnotwendigen Ressourcen.
Bildung als Minimum
Das sogenannte “Bildungsminimum” definiert, was jeder Schüler und jede Schülerin in Deutschland mindestens wissen sollte. Seit 2004 ist bundesweit festgeschrieben, welches Wissen in Mathematik, Deutsch, Englisch und den drei Naturwissenschaften nötig ist, bevor man die Schule verlässt – unabhängig vom Bundesland und Schulabschluss.
Für genauere Antworten habe ich mit Prof. Dr. Olaf Köller gesprochen. Der Psychologe ist Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Zusammen mit 15 weiteren Wissenschaftler*innen berät er die zuständigen Kultusministerinnen und -minister der Länder in Schulfragen. Er erklärt, dass das Bildungsminimum junge Menschen dazu befähigen soll, berufliche Teilhabe zu erreichen und ein selbstständiges Leben zu führen. Dazu gehören auch soziale Kompetenzen, finanzielle Bildung und ein Verständnis für Demokratie. Nur so kann man sich in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zurechtfinden.
Reicht unser Wissensstand aus?
Um zu kontrollieren, wie viel die Schülerinnen wissen, gibt es das „Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“. Es führt regelmäßig Leistungstests an Schulen durch. Die Ergebnisse sind alarmierend: immer mehr Schülerinnen haben essentielle Kompetenzen nicht erworben. “In Berlin verlassen vier von zehn Schüler*innen ohne ein Bildungsminimum die Schule”, sagt Köller. Das Land der Dichter und Denker schwächelt. International ist Deutschland im Mittelfeld, hinkt aber gerade in Sachen Digitalisierung zurück.
Die Politik hat reagiert und versprochen, den Anteil der Bildungsschwachen zu halbieren. Große Probleme entstehen, wenn aufgrund von geringer Bildung später Schwierigkeiten im Beruf auftreten. “Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die nur den Hauptschulabschluss erreichen, kommen nicht in qualifizierte Ausbildung, sie sind die Modernisierungsverlierer”, warnt Köller. Er fordert, alles daran zu setzen, dass möglichst viele Jugendliche mindestens einen Mittleren Schulabschluss erreichen.
Prof. Dr. Olaf Köller, Bildungsexperte
Die Frage nach dem Zugang zu Bildung
Es ist klar, dass sich etwas ändern muss im deutschen Bildungssystem. Doch wie gelingt das? Köller hat dazu Vorschläge. Zum Einen betont er, dass soziale Ungleichheiten bereits direkt nach der Geburt entstehen. Daher könne eine angemessene Frühförderung schon vor der Grundschule viel ausmachen. „Aktuell erleben wir bei 6-Jährigen einen Leistungsunterschied von drei Jahren.“ Grundlagen wie Lesen und Schreiben müssten in der Grundschule gefestigt und immer wieder kontrolliert und geübt werden.
Professor Köller hält es auch für wichtig, nach Deutschland geflüchtete Kinder richtig zu integrieren, um ihnen gute Startchancen zu ermöglichen. Wer 2015 während der großen Migrationswelle in die 2. Klasse kam, habe, so die Ergebnisse der internationalen PISA-Studie, bis zur 9. Klasse oft nicht hinreichend Deutsch gelernt. Deshalb brauche es mehr Investitionen. Aktuelle Förderprogramme seien schon hilfreich. Für echte Veränderungen bräuchte es aber noch viele Milliarden mehr. Die sind aktuell nicht da.
Es braucht neue Lernmethoden
Noch viel wichtiger als die Länge der Schulzeit ist es, wie der Unterricht gestaltet ist, um uns Jugendliche zum Lernen zu motivieren. Dies erkennt auch Bildungsexperte Köller an: „Ein Unterricht ohne Noten ist möglich. Andere Lernformen als Unterricht mit sechs Stunden á 45 Minuten können ebenfalls sinnvoll sein. So wie sich das Bildungssystem aber jetzt aufstellt, ist es nicht zukunftsfähig.“ Neue und effektivere Lernmethoden zu schaffen, ist noch nicht gelungen.
Derzeit wird viel nach neuen Lernmethoden bzw. „Didaktiken“ geforscht. Die Politik muss die Bildungskrise anerkennen und richtige Schlüsse daraus ziehen. Denn Bildung ist nicht nur die Grundlage für unsere Wirtschaft. Lernen allgemein ist die Grundlage menschlichen Seins.
Titelbild: Collage zusammengestellt von Hendrik Heim auf canva.com mit lizenzfreiem Bild
Wer sich ein wenig für Bildungspolitik interessiert, oder in letzter Zeit einfach die Nachrichten verfolgt hat, wird an einem Thema nicht vorbeigekommen sein – die PISA-Studie 2022.
In diesem Post werde ich mal eine kleine Zusammenfassung geben dazu, was es damit auf sich hat, und kurz und knapp beleuchten, warum die Ergebnisse eigentlich so verheerend sind. Alles, was ihr wissen müsst in diesem Artikel!
Die PISA-Studie – was ist das eigentlich?
Die „PISA-Studie“ ist eine Studie, die in der Regel alle drei Jahre von der OECD veröffentlicht wird, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort sind sehr viele westliche Länder Mitglied, insgesamt 38 Staaten.
Bildquelle: Deutsche Welle
Die OECD beauftragt dann das PISA mit der Durchführung, das „Programme for International Student Assessment“. 1
Und wie funktioniert das?
Im Grunde funktioniert die PISA-Studie so: eine internationale Studienleitung wird von der OECD mit der Durchführung beauftragt. Diese erstellt dann Online-Tests zu drei Bereichen: Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz. In den 88 teilnehmenden Staaten, also den OECD-Ländern und weiteren Partnerstaaten werden dann 15-jährige ausgelost, die die Tests durchführen. Dabei ist das Ziel, dass die Schüler*innen am Ende der Schullaufbahn geprüft werden sollen, zumindest theoretisch. In Deutschland nehmen 9. Klassen teil. Wer ausgelost wird, ist zur Teilnahme verpflichtet.2
Ganz wichtig ist also! Wenn von einem PISA-Schock die Rede ist,bezieht sich das immer nur auf die oben genannten drei Testbereiche. Was soziale, kreative oder praktisch-handwerkliche Kompetenzen angeht, wird von der Studie nicht erfasst oder gemessen!
Wie kommen die Ergebnisse zustande?
In der Bewertung der Aufgaben gibt es grundsätzlich eine Skala mit einem Mittelwert von 500 Punkten. Je nachdem, wie viele Punkte die teilnehmenden Schüler*innen erreichen, werden sie dann in „Kompetenzstufen“ eingeteilt, praktisch also in Noten, die zeigen, wie gut die Schüler*innen auf das echte Leben und die Gesellschaft da draußen vorbereitet sind. Die Kompetenzstufen gehen von I (römisch 1) bis VI (römisch sechs). Sogenannte leistungsschwache Schüler*innen liegen unter der Stufe II, leistungsstarke Schülerinnen liegen auf Stufe V oder VI.
Wenn also gesagt wird „30 Prozent sind leistungsschwach“, dann sind das zumindest in Mathe die Teilnehmenden mit Kompetenzstufe I als Ergebnis.
Die Tests an sich bestehen dann aus Fragen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, freien Antworttexten, oder auch Schiebemenüs. Gezeichnet werden muss also beispielsweise nicht.
Mathe – so abgehängt wie noch nie
Bildquelle: GeorgeBecker (pexels.com)
Schauen wir jetzt mal auf den ersten Testbereich – Mathematik. Als erstes müssen wir betrachten, nach welchen Kriterien der Online-Test durchgeführt wurde.
Was bewertet wird
Für die PISA-Studie 2022 hat sich die Studienleitung neue Konzepte dahingehend überlegt, wie sie die Kompetenzen in Mathe messen will. Zusammengefasst: die mathematischen Aufgaben sollen alltags- und realitätsnah sein, Schule also auf das berufliche Leben vorbereiten. Die OECD beschreibt Mathematik-Kompetenz als…
„…die Fähigkeit einer Person zum mathematischen Argumentieren sowie Mathematik in einer Vielzahl von Alltagskontexten einzusetzen, in denen Problemstellungen mathematisch formuliert, bearbeitet und interpretiert werden. (…) Mathematikkompetenz hilft Personen zu erkennen, welche Rolle Mathematik in der Welt spielt, um fundierte Urteile abzugeben sowie gut begründete Entscheidungen zu treffen, so wie sie von konstruktiven, engagierten und reflektierten Bürgerinnen und Bürgern des 21. Jahrhunderts benötigt werden„-OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), 20233
Besonders wichtig ist im Test also die Kompetenz des Mathematischen Argumentierens, so wie oben genannt. Dafür braucht man dann mathematische Kompetenzen (Größen, Zahlensysteme, Abstraktion, Modellieren, Statistik, etc.). All jenes wird im Test abgefragt, so erkennt man, ob im deutschen Schulsystem diese Kompetenzen auch wirksam vermittelt werden.
Was dabei herausgekommen ist
Blickt man auf die deutschen Ergebnisse der Pisa-Studie 2022, muss man feststellen, dass immer weniger Schüler*innen hierzulande diese so wichtigen Fertigkeiten haben. Was uns zu den brisantesten Daten und Fakten bringt:
Im Gesamtwert erreichte Deutschland Platz 21 im „Länderranking“, und liegt damit ganz leicht über dem internationalen Durchschnitt.
30% aller Schüler*innen werden als leistungsschwach eingestuft.3 von 10 Schüler*innen könnten also Schwierigkeiten haben, tatsächlich nach der Schule in Beruf und Gesellschaft anzukommen und mit ihren mathematischen Kompetenzen mitzuhalten. Das sind fast eineinhalb mal so viele Schüler*innen wie in der Studie 2018. Nur 8,6% gelten als leistungsstark.
Beim Vergleich von Gymnasiast*innen und Nichtgymnasiast*innen liegen die ersteren zirka zwei Kompetenzstufen über der zweiten Gruppe.
Wie kommt der Matheunterricht an?
Das Besondere an der in diesem Jahr herausgekommenen Studie ist, dass nicht nur die Leistungen in Mathe abgefragt wurden, sondern auch die Motivation der Lernenden in dem Fach, die Emotionen, die sie im Unterricht verspüren und die Verhaltensweisen, die sie nach eigenen Aussagen an den Tag legen. Und da sind sehr interessante Ergebnisse herausgekommen:
Ein Drittel der befragten Jungen gibt an, Angst davor zu haben, in Mathematik zu versagen. Bei den Mädchen sind es sogar über 52 Prozent.
Dagegen sind insgesamt nur 30,4% im Unterricht motiviert dabei, ca. 40% langweilt sich sogar.
Angespannt bei den Mathehausaufgaben sind ganze 24,5% der Jungen und 34,6% der Mädchen.
Trotz der negativen Emotionen beim Matheunterricht und der geringen Motivation darf aber eines auf keinen Fall übersehen werden – den Drang der Schüler*innen, neues zu lernen. Denn ganze 91% wollen in Mathematik gute Leistungen erbringen. Und trotzdem ist der Glaube daran, dass dies möglich ist, immer geringer geworden. Die Mehrheit der Befragten gibt an, dass sie mathematische Kompetenz als schwerer veränderbar empfindet als Intelligenz. Somit mangelt es in Deutschland eindeutig an den richtigen Lernmethoden Denn wo jetzt noch Angst vor schlechten Noten herrscht und sich Resignation breit macht müsste eigentlich eine Motivation da sein, die aber eben nur von einer guten Lernatmosphäre, dem Mitnehmen auch der breiten Masse und dem Wegkommen von auswendig zu Lernendem erzeugt werden kann. Das alte Lied von der Bildungswende – in diesen Zahlen eindeutig begründet.
NaWi? Ging schon mal besser
Bildquelle: Pixabay(pexels.com)
Klar ist – Kenntnisse in den Naturwissenschaften sind extrem wichtig. Zu wissen und zu erkennen, wie unser Planet und das Leben auf der Erde funktioniert, ist ein Grundbaustein dessen, was Schüler*innen nach der Schule an Kompetenzen ins spätere Leben mitbringen sollten. Deswegen machen Naturwissenschaften den zweiten großen Bereich der PISA-Tests aus.
Was bewertet wird
In der folgenden Grafik sieht man die Kompetenzen, die im Test abgefragt werden sollen. Zusammengefasst sollen die Schüler*innen also die Welt um sie herum verstehen, indem sie Alltagssituationen im Alltag, die für sie persönlich, aber auch national und global bedeutend sind erklären, untersuchen, und die herausgefundenen Daten analysieren.
Bildquelle: „PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“
Was dabei herausgekommen ist
In Deutschland gibt es, was diese Kompetenzen angeht, leider nur mittelmäßige Testergebnisse:
Deutschland nimmt im „Länderranking“ Platz 18 ein, und liegt damit nur unwesentlich über dem internationalen Durchschnitt. Es ist das schlechteste Ergebnis überhaupt für das Land.
Etwa 23% der Schüler*innen sind leistungsschwach, was Naturwissenschaften angeht. Weniger als 10% können als leistungsstark eingestuft werden.
Schüler*innen am Gymnasium sind im Schnitt 1,5 Kompetenzstufen über denen an nichtgymnasialen Schulen.
Zwar sind die naturwissenschaftlichen Ergebnisse nicht so verheerend wie die im Bereich Mathematik, und die Kompetenzen der deutschen Schüler*innen können noch als „anschlussfähig“ im internationalen Vergleich betrachtet werden. Trotzdem fehlen der breiten Masse wichtige Kompetenzen, es muss sich also auch hier dringend etwas am Bildungssystem ändern.
Wie gut können wir lesen?
Bildquelle: Pixabay (pexels.com)
Im dritten Testbereich der PISA-Studie geht es um die Lesekompetenz der 15-Jährigen. Nur wer lesen kann, kann wirklich in einer Gesellschaft teilhaben. Und angesichts der neuen Gefahren von Social Media sehen wir, dass ein richtiges Analysieren und Entlarven von Falschinformationen immer wichtiger wird.
Was bewertet wird
Wie in den beiden anderen Bereichen auch, mussten die Schüler*innen in diesem Test Fragen beantworten, hier aber zum Inhalt, zur Art oder zum Wahrheitsgehalt von Texten, die ihnen gegeben wurden. Sie mussten also analysieren, welche Bestandteile der Text hatte, und welche Absichten hinter seinem Verfassen steckt.
Was dabei herausgekommen ist
Die Lesekompetenz der deutschen Jugendlichen ist in den letzten Jahrzehnten immer schlechter geworden und erreicht in der jüngsten Studie ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt. International landen wir hier auf Platz 22.
Immer mehr Lernende sind „leseschwach“, mittlerweile über 25%, gleichzeitig verfügen auch immer weniger Schüler*innen über eine sehr gute Lesekompetenz (8,2%)
Generell lassen sich diese Werte damit erklären, dass wir in Deutschland in den letzten Jahren viele Zuströme von Geflüchteten aus arabischen oder afrikanischen Ländern hatten. Für diese Jugendliche ist es sehr schwer, gut Deutsch zu lernen. Die Ergebnisse, zusammen mit dieser einen Erklärung dazu, zeigen auf, wie wichtig die Förderung von Lesekompetenz schon von der Grundschule an ist.
Reaktionen auf die PISA-Ergebnisse 2022 für Deutschland
Selten ist es der Fall, dass Bildungspolitik wirklich Schlagzeilen macht. Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie ist aber genau dies gelungen. Reaktionen darauf möchte ich nun in diesem letzten Kapitel des Posts zeigen.
Bildungswissenschaft
Wer ganz genau wissen will, wie es um die PISA-Ergebnisse steht, muss eigentlich nicht viel mehr tun als 332 Seiten zu lesen. So lang ist nämlich die „PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“, herausgegeben vom Waxmannverlag. Und dort analysieren namhafte Bildungswissenschaftler*innen in jedem Kapitel die Ergebnisse:
S.83 „Die Ergebnisse von PISA 2022 sollten – ähnlich wie die der ersten PISA-Studie 2000 – zu einer intensiven Diskussion auf Ebene des Bildungssystems führen. (…) Der Blick in einige Nachbarstaaten sollte dabei hilfreich sein.
S.135 Bildung eröffnet Lebenschancen, sie ist der vielversprechendste Weg zu einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe. Entsprechend gilt es, ausreichend Bildungsangebote bereitzustellen und ihre Nutzung sicherzustellen. Forschungsergebnisse haben hier wiederholt aufgezeigt, dass sowohl motivationale Faktoren (…) als auch die Unterrichtsqualität (…) die naturwissenschaftliche Kompetenz von Schülerinnen fördern können.
S. 160 In einer erfolgreichen Bildungsgesellschaft muss (…) ein Klima für Hunger nach Bildung, nach Büchern, nach dem Lesen – gerade auch in digitalen Formen – entstehen. (Es) sollte das Buch, ebenso wie das (digitale) Lesen, als wertvollstes Grundbedürfnis geschützt, gepflegt, verbessert und entwickelt werden.„PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“, Kapitel 4-6 (S.83, 135, 160)4
Schüler*innen
Neben vielen anderen Vereinen, Verbänden und Gewerkschaften hat sich auch die oberste Vertretung aller Schüler*innen, die Bundesschülerkonferenz zu Wort gemeldet, vertreten durch ihren Generalsekretär Florian Fabricius:
Am Ende des Tages ist es keine Frage davon, wie meine Generation, wie wir als Schüler abschneiden. Es ist am Ende eine systemische und strukturelle Frage, davon, dass Bildung vernachlässigt wurde und dass wir an allen Ecken und Enden merken, dass Bildung zu kurz kommt, bei Lehrkräftemangel, dem riesigen Investitionsstau oder mentaler Gesundheit. (…) Auch Lehrer leiden unter diesem System.Florian Fabricius, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz in Deutschlandfunk Kultur am 05.12.2023 5
Lehrkräfte
Und auch die Lehrkräfte meldeten sich gleich nach Herauskommen der Studie zu Wort. Für einen Verband sprach Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands:
„Obwohl die Studie schulische Bildungsziele als Gesamtheit nicht ausreichend abbildet, bestätigt sie doch insgesamt leider negative Trends, die wir seit Jahren beobachten. (…)Es ist wichtig, dass die Politik den Fachunterricht wieder zur Priorität erklärt. Lehrkräfte müssen umgehend und nachhaltig von unterrichtsfernen Aufgaben entlastet werden – sie sind weder Hilfskräfte in der Verwaltung, Sozialarbeiter noch Reiseverkehrskaufleute. Sie sind Fachleute für die Vermittlung ihrer Fächer – die brauchen wir, wie die fachlichen Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler in PISA zeigen, heute mehr denn je. (…) Das Beherrschen der deutschen Sprache ist und bleibt die Grundlage unserer Kultur und damit das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wir dürfen es einfach nicht hinnehmen, dass sie von so vielen jungen Menschen in unserem Land nicht ausreichend beherrscht wird.“-Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing in einer Pressemitteilung vom 05.12.6
Heute veranstalteten wir bei der IHK Würzburg-Schweinfurt zum zweiten Mal zusammen mit der Handwerkskammer Unterfranken einen Infoabend für Studienzweifler. Ein schwieriges Thema, das viel mit dem Gefühl des Versagens und Scham zu tun hat. Daher rennen einem bei so einer Veranstaltung die Teilnehmer nicht gerade die Bude ein. Und dennoch – oder gerade deswegen – sind solche Veranstaltungen wichtig.
EduImpact ist eine Gruppe von Bildungs-Enthusiasten. Entstanden auf dem EduCamp in Berlin 2015 wollen sie die Digitalisierung in der Bildung kritisch beleuchten.
Die Digitalisierung hat unsere Gesellschaft insgesamt verändert. Und vor allem ist sie auch in der Bildung angekommen. Und dort schwankt man zwischen völliger Verteufelung und blinder Begeisterung. Die Leute von EduImpact haben sich genau das zum Thema gemacht. Sie wollen die Diskussion über die Digitalisierung in der Bildung loslösen von Diskussionen über das technisch Machbare, hin zu sinnvollen Lösungen, möchten möglichst verschiedene Seiten beleuchten.
Pippi Langstrumpf ist tot. Oder wird es zumindest sein, wenn wir ihr nicht helfen. Wie es wäre, wenn Pippi tatsächlich tot wäre, zeigt die gemeinnützige Organisation Librileo in Berlin.
Diese Organisation setzt sich für die Chancengleichheit bei der Bildung ein. Als zentrales Element von Bildung sieht Librileo das Lesen von Büchern. Und damit kann man nicht früh genug beginnen.