Rezension zu „Läuft bei uns!“ von Sven Donner und Lars Bednorz
Wer Bücher über Schule liest, begegnet häufig zwei Extremen: Entweder wird das Bildungssystem grundsätzlich kritisiert oder es werden neue Methoden vorgestellt, mit denen Unterricht besser gelingen soll. „Läuft bei uns!“ geht einen anderen Weg.
Die beiden Autoren – ein Gymnasialzweigleiter und ein Psychologe aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie –betrachten Schule nicht in erster Linie als Institution oder Bildungssystem, sondern als Netzwerk von Beziehungen. Deshalb ist ihr Ausgangspunkt, dass viele Schwierigkeiten im Schulalltag sich nicht einzelnen Personen zuschreiben lassen. Sie entstehen im Zusammenspiel der Menschen, die Schule gemeinsam gestalten. Diese Perspektive zieht sich konsequent durch das gesamte Buch.

Keine Rezepte, sondern Perspektivwechsel
Bereits in der Einleitung machen Donner und Bednorz deutlich, worum es ihnen geht. Schule verstehen sie als eine „Schicksalsgemeinschaft“ aus Eltern, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Niemand hat sich diese Konstellation ausgesucht. Trotzdem müssen alle miteinander arbeiten. Genau darin sehen sie den Ausgangspunkt vieler Herausforderungen.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Autoren bewusst auf einfache Schuldzuweisungen verzichten. Weder sind „die Eltern“ das Problem, noch „die Lehrkräfte“ oder „die Jugendlichen“. Jede Gruppe betrachtet dieselbe Situation aus einer anderen Perspektive – und hält diese verständlicherweise für die einzig richtige.
Der eigentliche Perspektivwechsel besteht deshalb darin, weniger übereinander als miteinander zu sprechen. Der Gedanke klingt selbstverständlich. Gerade deshalb überrascht es, wie selten er im schulischen Alltag tatsächlich gelebt wird.
Die Stärke des Buches liegt im Denken in Beziehungen
Das Buch behandelt eine große Bandbreite an Themen: schulische Strukturen, Konflikte, Mobbing, psychische Belastungen, Leistungsdruck, Digitalisierung, Elternsprechtage oder Feedbackkultur. Auf den ersten Blick wirkt diese Vielfalt fast beliebig.
Anfangs war ich sogar skeptisch. Die Themen wirkten auf mich sehr breit gestreut. Erst nach einigen Kapiteln wurde mir klar, dass genau darin das Konzept des Buches liegt. Die Themen sind letztlich verschiedene Ausdrucksformen derselben: Wie können Beziehungen im System Schule so gestaltet werden, dass Entwicklung möglich wird? So entsteht eine bemerkenswerte innere Geschlossenheit. Die Kapitel bauen zwar nicht unmittelbar aufeinander auf, folgen aber alle derselben Haltung.

Kommunikation als Haltung
Ein weiterer Punkt hat mich beim Lesen immer wieder beschäftigt. Viele Bücher über Kommunikation präsentieren Modelle, Gesprächstechniken oder Formulierungsbeispiele. Donner und Bednorz gehen einen anderen Weg. Kommunikation erscheint hier weniger als Technik denn als Ausdruck einer professionellen Haltung. Wer sein Gegenüber verstehen möchte, muss zunächst akzeptieren, dass unterschiedliche Sichtweisen legitim sind. Erst dann entsteht die Möglichkeit gemeinsamer Lösungen.
Und so wirken auch die zahlreichen Kommunikations- und Interaktionsimpulse am Ende der Kapitel nicht wie Methoden zum Abarbeiten. Sie laden vielmehr dazu ein, den eigenen Blickwinkel zu verlassen.
Je länger ich las, desto deutlicher wurde mir: Dieses Buch möchte seinen Leserinnen und Lesern keine Lösungen vermitteln. Es möchte ihnen eine professionelle Haltung vermitteln. Eine Haltung, die zuerst beobachtet, unterschiedliche Perspektiven ernst nimmt und sich einfachen Ursache-Wirkungs-Erklärungen bewusst entzieht.
Zwischen Pädagogik und Psychologie
Besonders gelungen finde ich die Zusammenarbeit der beiden Autoren. Fast jedes Kapitel verbindet eine schulpraktische Perspektive mit einer psychologischen Einordnung. Dadurch bleibt das Buch nah an konkreten Situationen und verliert sich gleichzeitig nicht in Einzelfällen.
Die psychologischen Abschnitte erklären viele Dynamiken, ohne sie vorschnell zu pathologisieren. Gleichzeitig bleiben die schulischen Beispiele nachvollziehbar und alltagsnah. Diese Verbindung gehört für mich zu den größten Stärken des Buches.

Wo das Buch hinter seinen Möglichkeiten bleibt
Ganz ohne Kritik kommt die Lektüre allerdings nicht aus. Vor allem das Kapitel zur Digitalisierung wirkt im Vergleich zu den übrigen Themen etwas unausgewogen. Während die anderen Kapitel vor allem Beziehungsfragen beleuchten, stehen hier stärker Chancen und Risiken digitaler Medien im Mittelpunkt. Gerade weil die übrigen Kapitel psychologische und pädagogische Zusammenhänge so überzeugend erklären, fällt das Kapitel zur Digitalisierung etwas ab. Hier bleibt das Buch stärker auf der Ebene der Reflexion und entwickelt weniger Erklärungstiefe als an anderen Stellen.
Wer ein wissenschaftliches Fachbuch erwartet, wird manche theoretische Einordnung vermissen. Mich hat das beim Lesen allerdings weniger gestört, weil die Autoren ihren Anspruch nie verbergen: Sie schreiben bewusst ein Praxisbuch. Wer eine wissenschaftliche Einordnung sucht, wird sie deshalb nur eingeschränkt finden.
Mein Fazit
Läuft bei uns! ist kein Rezeptbuch. Und gerade das macht es so lesenswert. Donner und Bednorz liefern keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Stattdessen vermitteln sie eine Haltung: beobachten statt vorschnell urteilen, unterschiedliche Perspektiven ernst nehmen und gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen.
Besonders überzeugt hat mich, dass sie Schule nicht erst nach einer großen Reform denken. Sie fragen vielmehr, was Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler innerhalb des bestehenden Systems dazu beitragen können, dass Zusammenarbeit gelingt. Das ist weniger spektakulär als viele bildungspolitische Forderungen – aber deutlich näher an der schulischen Realität.

Läuft bei uns! Ein pädagogisch-psychologischer Wegweiser für ein neues Miteinander in der Schule
Sven Donner, Lars Bednorz
Herausgeber : Vandenhoeck & Ruprecht
Erscheinungstermin : 9. März 2026
Seitenzahl der Print-Ausgabe : 223 Seiten
ISBN : 978-3525463031
Abmessungen : 15.5 x 1.6 x 23 cm

