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Jugendliche entwickeln App für die Schulorga

Bereits im Februar wurde ich angefragt, ob ich auf meinem Blog nicht einmal die App “studypilot” vorstellen möchte. Nach ein paar Monaten hat das jetzt geklappt.

studypilot ist eine App, die den Anspruch hat, dass man allein mit ihr und seinem Tablet in der Schule arbeiten kann. Dafür gibt es diverse Funktionen, wie einen Stundenplan oder Notizen. Entwickelt wurde die App von den Schülern Moritz, Julian und Joshua. Während Corona wuchs die Idee heran, weil es noch keine App gab, die gleichzeitig hochwertig und einfach zu bedienen war, und dazu alle relevanten Funktionen aufwies.

Bevor wir näher auf die Philosophie des Unternehmens blicken, das die jungen Entwickler – mittlerweile zu viert – betreiben, kommt erst einmal eine Vorstellung der App und ein kleiner Test ihrer Funktionen. Verfügbar ist sie für alle Android-, und iOS-Tablets und auch für Windows-PCs.

Der App-Test

Für meinen App-Test bekomme ich einen Test-Account gestellt, mit dem ich mir sehr schnell das Programm herunterladen kann. Die erste Erkundungstour gab es für mich auf dem Windows-PC. Aber gerade Schüler*innen, die mit Tablet und Stift arbeiten, sollen von studypilot profitieren.

Was mit gleich zu Beginn auffällt – studypilot ist sehr übersichtlich. In der Startseite werden neben der Begrüßung das Datum, wichtige Notizen, Aufgaben und der Stundenplan für den Tag angezeigt.

Die Startseite ist wie die ganze App sehr übersichtlich gestaltet

Die Notizfunktion ist im Wesentlichen fürs Tablet mit integriertem Stift nützlich. Hier kann man alles aufschreiben, was im Unterricht dokumentiert werden muss, ob Tafelbild oder Hausaufgabe. Eine Funktion, um auch mit Tastatur schreiben zu können, wird noch entwickelt, man kann sie bereits testen. Die Einstellungen sind sinnvoll, vom Blatthintergrund über die Blattgröße bis zur Schriftfarbe ist alles möglich. Eine klassische Funktion also für alle, die mit dem Tablet arbeiten. Weitgehend ohne Experimente, sehr hilfreich.

Der Reiter Aufgaben ist der Ort, an dem Hausaufgaben aufgeschrieben werden können. Eine neue Aufgabe ordnet man dem Schulfach zu und wählt einen Zeitraum aus, in dem sie erledigt werden muss. Dann wird der zu erwartende Aufwand eingetragen. Alle Aufgaben werden nach dem Speichern angezeigt, nach Dringlichkeit sortiert. Mit einem Klick wird eine Aufgabe als “in Bearbeitung”, oder “abgeschlossen” markiert.

Im Kalender können Termine eingetragen werden. Die Ferien werden nach dem jeweiligen Bundesland importiert. Auch hier gibt es Titel und Beschreibung. Dann muss man nur noch Farbe und Zeitraum einstellen. Seine Termine kann man sich dann in der Tages- und Wochenansicht anzeigen lassen. Die “Übersicht” zeigt die nächsten Termine an.

Der Stundenplan kann individuell angepasst werden, auch mit A- und B-Wochen

Einen digitalen Stundenplan hat studypilot auch. Die Fächer, die man in den Einstellungen bearbeiten kann, lassen sich direkt in die entsprechenden Zeiten ziehen. Auch wochenspezifische Stundenpläne sind möglich.

Die wohl hilfreichste Funktion sind die Noten. Diese können, sortiert nach Fächern, eingetragen werden. Natürlich trägt man auch die Gewichtung der jeweiligen Note ein. Den Schnitt bekommt man dann sofort angezeigt.

Wer neue Funktionen ausprobieren möchte, die noch nicht fertig entwickelt sind, kann sie im Labor aktivieren und austesten. So kann man in der Early Access schon mit Tastatur schreiben.

Fazit

Das wichtigste Fazit – studypilot macht nichts neu. Aber das muss es auch gar nicht! Die Funktionen sind wirklich einfach zu bedienen, und es fehlt an Nichts im Schulalltag. Dazu kommt, dass die App vollkommen kostenlos ist und ohne Werbung auskommt.

Mein Gespräch mit den Entwicklern von studypilot

Nach meinem App-Test hatte ich Gelegenheit, mit drei der vier Entwickler zu sprechen. Die ursprüngliche Idee kam Moritz im Sommer 2021. Damals waren wir mitten in der Coronapandemie, und der Unterricht musste digitaler werden. So wurden auch Tablets zugelassen, und Moritz suchte nach passenden Apps dafür. Sein Ergebnis: ja, es gab Apps, aber entweder waren sie zu kompliziert, oder sie hatten nicht alle nötigen Funktionen. Deswegen entwickelte er sich einfach eine eigene App, holte seine Freunde Joshua und Julian ins Boot, und gemeinsam entstand die Idee, das Projekt professionell aufzubauen, von Schülern für Schüler*innen.

Von einer Idee zum eigenen Unternehmen

Das erste Jahr wurde also fleißig entwickelt. Dabei greifen die Entwickler auf eine Vielzahl von Open-Source-Angeboten zurück, ohne die ein Projekt, wie dieses für vier Jugendliche nicht umsetzbar wäre. Im Sommer 2023 stand dann fest, dass die App offiziell released werden konnte. Um professionell zu sein, kooperierte man mit einem Unternehmen, ohne das die Gründung nicht möglich geworden wäre. Und im Juli 2023 saßen Moritz und Jan, beide frisch 18 geworden, dann beim Notar und unterschrieben den Gesellschaftervertrag für die “studypilot UG”. Mittlerweile hatte die App immer mehr an Usern gewonnen, und auch eine Feedbackseite war eingerichtet. Zu den organisatorischen Aufgaben zählte bald auch die Zusammenarbeit mit dem Anwalt des Unternehmens, um noch besser in Sachen Rechtsfragen gewappnet zu sein. Aber auch designtechnisch machte studypilot weiter Fortschritte. Die vier stellten sich Investor*innen und anderen Unternehmensgründer*innen vor, nahmen Beratung in Anspruch.

Ab in die Zukunft

Und wie geht es in die Zukunft? Bis jetzt hat studypilot noch keinen Gewinn erwirtschaftet, und das gewollt. Schließlich soll die App dazu da sein, um den Schüler*innen im Alltag zu helfen. Zukünftig ist aber geplant, eine Premiumversion einzurichten. Das Prinzip dabei: alles was für den Schulalltag nötig ist, bleibt kostenlos. Zusätzliche Funktionen hinter der Premiumschranke geben dann einen zusätzlichen Produktivitäts-Boost.

Engagement statt Profit

Spricht man mit den Entwicklern, dann fällt auf – Geld, Ruhm, Aufmerksamkeit ist nicht das, was sie wollen. Ihr Ziel ist es einfach, Digitalisierung an Schule voranzubringen. Deshalb wollen sie zukünftig auch mehr mit Schulträgern oder sogar Ministerien zusammenarbeiten. Denn studypilot ist nicht revolutionär, sondern einfach eine simple, eingängige Lösung für den Schulalltag. Tools aus anderen Apps werden übernommen, immer mit dem Anspruch, sie noch besser zu machen. Die Datenschutzstandards sind dabei höher als die der Konkurrenz, sodass einer Kooperation mit Schulträgern nicht mehr viel im Wege steht.


*Alle Bilder sind Screenshots aus der Laptopversion der App “studypilot”

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Bildungsziele zur Europawahl

Am 9. Juni findet in Deutschland die Wahl zum Europäischen Parlament statt. Unter den 34 großen und kleinen, etablierten und neuen Parteien sind auch welche, die Bildung zum europäischen Wahlkampfthema machen wollen.

Eins meiner Hobbies ist das Radio machen. Alle vier Wochen betreibe ich auf dem nichtkommerziellen Bürgerradio Radio Rheinwelle in Wiesbaden meine Sendung “youth@home”. Und zur Europawahl habe ich 24 Parteien zu ihren Zielen befragt. Die Bildungsziele, die dabei herausgekommen sind, möchte ich hier vorstellen. Das Ziel des Beitrags? Vorzustellen, was die Politik gerade von Bildung denkt. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich keine Wahlwerbung machen.

“Europäische Perspektiven stärken”

Die SPD hat sich in ihrem Wahlprogramm das Ziel gesetzt, dass jeder Jugendliche bis 25 mindestens einen Auslandsaufenthalt gemacht haben sollte. Ob mit der Schule, dem Verein oder privat – so soll Europa jungen Menschen nähergebracht werden, ganz unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Möglich werden soll dies mit einer Förderung des Schulprogramms “Erasmus+”. Lehrkräfte können jetzt schon online geplante Auslandsaufenthalte zwischen 2 und 30 Tagen einreichen, die dann von der Europäischen Union finanziell unterstützt werden.

“Bildungssystem modern und digital”

Von Natur aus eng mit dem Thema Lernen verbunden ist die Partei der Humanisten. Ihr Ziel ist es, Politik auf Basis der Wissenschaft zu machen, also rational und faktenbasiert. Nur aus den Fakten, nicht aus Ideologie entwickelt die Partei ihre jeweilige Position. Religionsunterricht will die Partei abschaffen und ihn durch verpflichtenden Ethikunterricht ersetzen. Schule soll allgemein in einem individuellen Lerntempo passieren, mit freien Lernzielen und hoher Digitalisierung. Außerdem soll Bildungspolitik bundesweit vereinheitlich werden. Man stelle fest – das alles hat erstmal wenig mit Europa zu tun. Und neu ist das alles auch nicht, was erst einmal nur eine Beobachtung ist.

“Kein Militär an Schulen”

Eine von mehreren extrem linken Parteien bei der Europawahl, die “Sozialistische Gleichheitspartei”, forderte im Interview ganz klar, dass es Jugendoffizieren der Bundeswehr verboten werden solle, in der Schule fürs Militär zu werben. Hintergrund: immer mehr Jugendoffiziere informieren für die in Vorträgen Schüler*innen über die Bundeswehr. An Schulen ist das bereits seit 1958 gang und gäbe, obwohll nicht in allen Bundesländern erlaubt1. Die SGP sieht darin klare Werbung und möchte auch Verteidigungsbildung in der Schule mit allen Mitteln verhindern.

“Mehr Medienbildung & politische Bildung”

Einen ganz ähnlichen Ansatz wie die Partei der Humanisten verfolgt die Partei des Fortschritts. Sie möchte politische Diskussionen immer vom Thema her denken und verortet sich ganz klar nicht im politischen Links-Rechts-Spektrum. Die PdF will Medienbildung im digitalen Zeitalter fördern. Politische Bildung soll – neben bestehenden Fächern wie “Politik und Wirtschaft” oder “Sozialkunde” ein eigenes Schulfach werden. Erasmus+ will die Partei auf soziale Tätigkeiten hin ausbauen.

“Aus-bildung stärken”

Zwei größere Parteien, die inhaltlich generell nicht weit auseinanderliegen, stimmen auch bei einem europäischen Bildungsthema überein – der Anerkennung von Berufsabschlüssen. Diese sollen international vereinfacht werden, um den europäischen Wirtschaftsraum zu stärken und innereuropäische Migration zu vereinfachen.

Wenn ich auf die Bildungsziele der Parteien blicke, stelle ich fest- wirklich neu ist wenig, Innovation kann mit einigen der Ziele aber durchaus erreicht werden. Meiner Ansicht nach hätte es diese Forderungen genau so auch bereits vor zehn Jahren geben können, sie wären genauso wie jetzt im Hintergrund versandet angesichts scheinbar unendlich wichtigeren Themen. Was damals Wirtschaftskrise war, ist heute Migration und Ukraine-Krieg. Trotzdem finde ich es interessant, welche unterschiedlichen Ansichten die Parteien auf das Thema Bildung haben. Sicherlich gäbe es noch viel mehr Ziele. Aber all das wurde mir während 10-Minten-Interviews persönlich gesagt. Ein entscheidender Faktor, was die Relevanz für die Parteien angeht.


Titelbild: erstellt mit Canva,

Bildquellen für Titelbild-Elemente:

https://shop.spd.de/mein-spd-shop/de/shop/aktuelles/euw2024/euw2024-pl/ https://www.gruene.de/artikel/machen-was-z%C3%A4hlt-unsere-motive-zur-europawahl-2024 https://www.wsws.org/de/articles/2023/01/11/plak-j11.html https://www.shop.cdu.de/Plakat-Set-EW-Papierplakate/EW-810-P-Set https://www.pdh.eu/werbemittelshop/

Logos: Website der Bundeszentrale für politische Bildung

  1. https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/bundeswehr-schule-jugendoffizier-100.html ↩︎
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Unsere Gedanken zur Jugendstudie 2024

Jugendstudie

Ende April kam die neue Jugenstudie 2024 heraus. Sie gibt einen Überblick, wie es gerade um die junge Generation steht. Und dabei gaben die 2000 Befragten zwischen 14 und 29 Jahren teils erstaunliche, teils erschreckende Antworten. Wir schildern hier unsere ganz subjektiven Eindrücke über die Ergebnisse der Studie.

Psychischer Stress auch nach Corona nicht gesunken

Aus der Sicht der Studienleitung herrsche unter den jungen Menschen immer noch der gleiche große psychische Druck wie zur Zeiten der Corona-Pandemie. Ganze 51 % der Befragten gaben an, regelmäßig Stress zu verspüren, 5 % mehr als letztes Jahr. 1

Hendrik: Von meinen Freund*innen und Mitschüler*innen in der Klasse weiß ich, wie viel Druck gerade in der Schule entsteht. Das ständige Bewerten und Sich-Vergleichen mit anderen sorgt dafür, dass Schule oft kein Ort voller Inspiration ist, sondern geprägt ist von Stress und Demotivation. Das macht viel aus im Leben von Jugendlichen und hört auch oft in Uni oder Ausbildung nicht auf. Gleichzeitig ist die Schule der Ort, an dem psychische Probleme sehr gut abgefangen werden können. Wo sonst kommen alle Kinder und Jugendliche fünf Mal in der Woche zusammen? Gerade deswegen müssen aus diesen Ergebnissen, die nicht gerade neue Erkenntnisse aufwerfen, neue politische Entscheidungen folgen. Es braucht eine Verstärkung der Schulsozialarbeit, eine ausreichende Versorgung mit Schulpsycholog*innen und auch geeignete Rückzugsorte aus dem Dauerfeuer Schule.

Peps: Als Vater eines 21-jährigen Sohnes bin nicht ganz auf dem aktuellen Stand zur Situation in der Regelschule. Mein Sohn hat 2020 die Schule abgeschlossen und ist mit seinem Abitur voll in die Coronazeit gefallen. Zur Zeit macht er eine Ausbildung und besucht die Berufsschule. Von daher fällt es mir schwer, die, aktuelle Entwicklung zu beurteilen. Aber zumindest kann ich etwas dazu sagen, wie ich es in seiner Schullaufbahn erlebt habe. Für ihn war das Schulsystem nicht ideal. Er ist ein junger Mensch, der sich Gedanken über seine Umwelt macht und für den Sinn sehr wichtig ist. Und vieles, was in der Schule angeboten wird, machte für ihn keinen Sinn. Also bemühte er sich in diesen Fächern nicht sonderlich. Die ganze Systematik mit der Notenvergabe und der so genannten Leistungsmessung hat ihn, so glaube ich zumindest, nicht sehr gestresst. Es war ihm relativ egal. Aber es hat ihm eben auch nicht motiviert. Was bei ihm Druck ausgelöst hat, war höchstens die Verkürzung auf die acht Gymnasien-Jahre. Die Schüler*innen dieser Jahrgänge hatten den gleichen Stoff in einem Jahr weniger zu schaffen.

Immer mehr Zukunftsängste bei Jugendlichen

Angesichts von Klimawandel, Krieg in Europa, globaler Armut und Inflation wirkt sich die aktuelle politische Lage negativ auf die mentale Gesundheit der jungen Menschen aus. Als Folge verspüren immer mehr Menschen Ängste und Sorgen, wenn sie in die Zukunft blicken.

Hendrik: Wir leben in einer Zeit von multiplen Krisen, die den gesamten Planeten betreffen – und dabei besonders die jüngere Generation. Da ist es ganz natürlich, dass Sorgen entstehen, die von Eltern und Pädagog*innen aufgefangen werden müssen. Ich frage mich, Peps – wie blickte man zu deiner Jugend auf die Weltlage?

Peps: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der alles aufwärts ging. Meine Eltern hatten den Krieg erlebt, aber auch das Wirtschaftswunder. Sie buken, wie man so schön sagt, anfangs ziemlich kleine Brötchen. Aber, wenn man sich anstrengte, dann kam man auch voran. Selbst, wenn man nicht reich wurde, konnte man gut leben. Und, wie schon gesagt, die Zeichen standen auf Wachstum, auf Verbesserung. Krieg war nicht wirklich ein Thema hier in Europa. Zwar herrschte in meiner Jugend noch der Kalte Krieg zwischen Westen und Osten, aber irgendwie erschien der nicht so bedrohlich, er war eher abstrakt, etwas, das Platz in James-Bond-Filmen hatte, aber nicht wirklich das eigene Leben beeinflusste. Und selbst das veränderte sich mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Der erste Krieg, der relativ nah war und der mich erschütterte war der im damaligen Jugoslawien. Aber selbst das war deutlich anders als die Situation heute.

Hendrik: In der Schule beschäftigt man sich maßgeblich mit der Zukunft, nicht zuletzt mit der eigenen. Am Ende ist es doch das Ziel, mit einem Berufswunsch, einer klaren Vision für sein Leben und einem Abschluss rauszugehen. Aktuell wird das bei der Mehrheit der Schüler*innen aber nicht erreicht. Wenn wir die Ergebnisse der Jugendstudie ernst nehmen wollen, sollten wir auch hier in der Schule ansetzen. In Fächern wie Politik muss man sich den großen, komplizierten Krisen der Welt sachte und sachlich annähern. Und durch eine richtige berufliche Bildung kann auch die individuelle Zukunftsunsicherheit behoben werden. Diese muss aber natürlich ansprechend sein. Trockene Vorträge der Bundesagentur für Arbeit bringen da definitiv nichts.

Peps: Die Schule ist ein wichtiger Ort für unsere Kinder und unsere Jugend. Schließlich verbringen sie dort einen Großteil ihrer Zeit. Sie kommen dort mit ihresgleichen zusammen, haben Kontakt mit Lehrer*innen. Sicher, Eltern und Geschwister haben einen großen Einfluss. Das Zuhause legt die Basis. Aber die Schule ist ein ebenso wichtiger Ort. Leider wird meines Erachtens diese Chance nicht genutzt. Man versucht, Inhalte zu vermitteln. Aber ich denke, mindestens genauso wichtig ist, den jungen Menschen dort Werte zu vermitteln und ihnen einen guten Umgang mit der Welt zu zeigen. Das findet aber nicht statt.

Mangel an Digitalisierung in der Schule wird kritisiert

In der Studie wurden die Teilnehmenden auch dazu befragt, in welchen Bereichen der Gesellschaft sie wo Handlungsbedarf sehen. Ein Ergebnis – aus Sicht der jungen Menschen – sind deutsche Schulen noch immer viel zu wenig digitalisiert.

Hendrik: Peps, sind dir in deinem Berufsleben vielleicht digitale Tools oder auch Lernmethoden eingefallen, die man ziemlich gut in die Schule übertragen könnte?

Peps: Ich war selbst einige Jahre in der Weiterbildung tätig. Dort durfte ich mich um die Betreuung einer Lernplattform kümmern und habe (teil-)digitale Lehrformate eingeführt. Aktuell studiere ich nochmal nebenberuflich an einer Fernuni. Da läuft fast alles digital, bis hin zu den Prüfungen. Ich denke, dass die Digitalisierung uns tolle Möglichkeiten bietet. Unterrichtsmaterial kann konserviert und zeitlich unabhängig aufgerufen werden. Das Angebot an die Lernenden kann viel individueller sein als im typischen analogen Klassenverband. Dennoch ist der soziale Faktor immens wichtig, weshalb ich von einer reinen Digitalisierung nichts halte. Aber ich denke, man sollte von beiden Seiten die jeweils positiven Elemente nutzen. Was ist jedoch zu den digitalen Komponenten in Sachen gelernt habe, ist, dass sie komplett von der Einstellung der Lehrenden zu diesem Thema abhängen. Ich habe Lehrkräfte erlebt, die überzeugt von den digitalen Möglichkeiten waren und diese genutzt haben. Und dann haben diese phantastisch funktioniert und den Lernenden einen echten Mehrwert gegeben. Und dann gab es Lehrende, die sicher waren, dass (teil-)digitaler Unterricht nicht funktionieren kann. Und das haben sie in ihrer Arbeit dann immer wieder aufs Neue bewiesen.

Hendrik: Aktuell gehe ich in einem Internat zur Schule, das dem Land Hessen gehört, und worauf man sich als motivierter Schüler bewerben muss. Dementsprechend haben wir, gerade was die technische Ausstattung angeht, sehr viel mehr Möglichkeiten als andere Schulen. Beispielsweise eine Arbeitsgruppe Film mit einer krassen Ausstattung, von Green Screen bis modernen Kameras und Mikrofonen. So etwas hätte ich mir an meiner alten Schule natürlich auch gewünscht. Ich denke aber, dass die Politik sehr wohl weiß, wie schlecht es um die Digitalisierung steht. Umso wichtiger ist es, dass Verbände und Schüler*innenvertretungen immer weiter auf diesem Thema beharren. International hinkt Deutschland da sehr deutlich nach, gerade gegenüber skandinavischen Ländern wie Dänemark und Finnland. Dort hat gerade das Thema Medienbildung einen viel höheren Stellenwert.

Populismus gewinnt deutlich an Erfolg – Jugend rutscht nach rechts

Wenn jetzt Bundestagswahl wäre, würden 22 % der 14 bis 29-Jährigen die AfD wählen. Ein Wert, den es in der Höhe noch nicht gab. Wir beide finden das erschreckend. Doch warum gewinnen populistische Lösungen, wie sie auch auf Social Media mit der jungen Generation geteilt werden, so an Bedeutung?

Hendrik: Gerade bei diesem Aspekt der Studie fällt mir auf, wie privilegiert ich selbst eigentlich bin. Im Internat bin ich umgeben von anderen politisch interessierten Menschen, die ihre Haltungen zum Leben entwickelt haben und sie durchaus auch in Diskussionen artikulieren können. Gleichzeitig werden hier auch sehr oft rechte Parolen entlarvt. Ich denke, an meiner alten Schule wird das durchaus anders sein. Zum Einen ist das Interesse an Politik grundsätzlich geringer, man hat weniger das Gefühl, dass einem zugehört wird. Daraus kann leicht eine Unzufriedenheit mit der Politik entstehen. Zum Anderen ist man, wenn man solche Unzufriedenheit verspürt, wiederum anfälliger für Populismus, für scheinbar einfache Lösungen komplexer Probleme. Wenn wir nicht wollen, dass rechte Parteien wie die AfD an noch mehr Einfluss gewinnen, müssen wir uns klar überlegen, wie wir die junge Generation besser erreichen können. Schon jetzt hat die AfD auf Social-Media-Plattformen wie TikTok teils zehnfache Aufrufzahlen wie andere Parteien. Ein Ort, an dem sich viele der Jugendlichen politisch informieren. Und eine Informationsquelle, die klassische Nachrichten immer mehr zu überholen droht.

Peps: Auch hier kann ich nur die Sicht des Vaters bieten. Mein Sohn ist politisch sehr interessiert und er informiert sich sehr gut. Er schwebt sicher nicht in der Gefahr, in den extremen rechten Flügel abzugleiten. Er hatte auch bereits zu Schulzeiten Freunde, die sich ebenso politisch informierten und interessierten. Aus seinem Umfeld ist mir nichts bekannt, dass jemand sich in diesem politischen Spektrum bewegen würde. Allerdings denke ich, dass in der Schule mehr getan werden könnte, um die jungen Menschen politisch zu bilden. Es ist erschreckend, dass sie sich über TikTok und andere sozialen Medien über Politik informieren. Es geht hier um fundierte Informationen und die benötigen einfach Tiefe und Ausführlichkeit, welche die sozialen Medien per se nicht bieten. Wie gesagt: Dort wäre die Schule gefragt.


  1. Alle Ergebnisse aus der Studie: https://www.rnd.de/politik/deutschlands-jugend-2024-psychische-probleme-ohnmacht-rechtsruck-TAO7B2CNTVEKRMYDWGTYZBUARQ.html ↩︎
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Wie viel Schule braucht der Mensch?

Kultusministerkonferenz

Schule als Pflicht, Bildung als Recht – wie viel Wissen braucht es, um im Leben erfolgreich zu sein? Und wie kann das deutsche Bildungssystem verbessert werden? Bildungsexperte Prof. Dr. Olaf Köller gibt MADS Antworten

Kinder und Jugendliche in Deutschland haben nicht nur die Pflicht zur Schule zu gehen, sondern auch ein Recht auf Bildung. Das Bundesverfassungsgericht hat dies während der Corona-Pandemie betont und die Bundesländer aufgefordert, den Unterricht trotz Schulschließungen fortzusetzen. Bildung ist deswegen so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft der Zugang ist zu Arbeit, zu Geld und zu lebensnotwendigen Ressourcen.

Bildung als Minimum

Das sogenannte “Bildungsminimum” definiert, was jeder Schüler und jede Schülerin in Deutschland mindestens wissen sollte. Seit 2004 ist bundesweit festgeschrieben, welches Wissen in Mathematik, Deutsch, Englisch und den drei Naturwissenschaften nötig ist, bevor man die Schule verlässt – unabhängig vom Bundesland und Schulabschluss.

Für genauere Antworten habe ich mit Prof. Dr. Olaf Köller gesprochen. Der Psychologe ist Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Zusammen mit 15 weiteren Wissenschaftler*innen berät er die zuständigen Kultusministerinnen und -minister der Länder in Schulfragen. Er erklärt, dass das Bildungsminimum junge Menschen dazu befähigen soll, berufliche Teilhabe zu erreichen und ein selbstständiges Leben zu führen. Dazu gehören auch soziale Kompetenzen, finanzielle Bildung und ein Verständnis für Demokratie. Nur so kann man sich in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zurechtfinden.

Reicht unser Wissensstand aus?

Um zu kontrollieren, wie viel die Schülerinnen wissen, gibt es das „Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“. Es führt regelmäßig Leistungstests an Schulen durch. Die Ergebnisse sind alarmierend: immer mehr Schülerinnen haben essentielle Kompetenzen nicht erworben. “In Berlin verlassen vier von zehn Schüler*innen ohne ein Bildungsminimum die Schule”, sagt Köller. Das Land der Dichter und Denker schwächelt. International ist Deutschland im Mittelfeld, hinkt aber gerade in Sachen Digitalisierung zurück.

Die Politik hat reagiert und versprochen, den Anteil der Bildungsschwachen zu halbieren. Große Probleme entstehen, wenn aufgrund von geringer Bildung später Schwierigkeiten im Beruf auftreten. “Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die nur den Hauptschulabschluss erreichen, kommen nicht in qualifizierte Ausbildung, sie sind die Modernisierungsverlierer”, warnt Köller. Er fordert, alles daran zu setzen, dass möglichst viele Jugendliche mindestens einen Mittleren Schulabschluss erreichen.

Prof. Dr. Olaf Köller, Bildungsexperte

Die Frage nach dem Zugang zu Bildung

Es ist klar, dass sich etwas ändern muss im deutschen Bildungssystem. Doch wie gelingt das? Köller hat dazu Vorschläge. Zum Einen betont er, dass soziale Ungleichheiten bereits direkt nach der Geburt entstehen. Daher könne eine angemessene Frühförderung schon vor der Grundschule viel ausmachen. „Aktuell erleben wir bei 6-Jährigen einen Leistungsunterschied von drei Jahren.“ Grundlagen wie Lesen und Schreiben müssten in der Grundschule gefestigt und immer wieder kontrolliert und geübt werden.

Professor Köller hält es auch für wichtig, nach Deutschland geflüchtete Kinder richtig zu integrieren, um ihnen gute Startchancen zu ermöglichen. Wer 2015 während der großen Migrationswelle in die 2. Klasse kam, habe, so die Ergebnisse der internationalen PISA-Studie, bis zur 9. Klasse oft nicht hinreichend Deutsch gelernt. Deshalb brauche es mehr Investitionen. Aktuelle Förderprogramme seien schon hilfreich. Für echte Veränderungen bräuchte es aber noch viele Milliarden mehr. Die sind aktuell nicht da.

Es braucht neue Lernmethoden

Noch viel wichtiger als die Länge der Schulzeit ist es, wie der Unterricht gestaltet ist, um uns Jugendliche zum Lernen zu motivieren. Dies erkennt auch Bildungsexperte Köller an: „Ein Unterricht ohne Noten ist möglich. Andere Lernformen als Unterricht mit sechs Stunden á 45 Minuten können ebenfalls sinnvoll sein. So wie sich das Bildungssystem aber jetzt aufstellt, ist es nicht zukunftsfähig.“ Neue und effektivere Lernmethoden zu schaffen, ist noch nicht gelungen.

Derzeit wird viel nach neuen Lernmethoden bzw. „Didaktiken“ geforscht. Die Politik muss die Bildungskrise anerkennen und richtige Schlüsse daraus ziehen. Denn Bildung ist nicht nur die Grundlage für unsere Wirtschaft. Lernen allgemein ist die Grundlage menschlichen Seins.


Titelbild: Collage zusammengestellt von Hendrik Heim auf canva.com mit lizenzfreiem Bild

Bild 1: https://deutsches-schulportal.de/autoren/olaf-koeller/

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Ulla Schmidt: „Mehrheit will Menschenrechte“

Ulla Schmidt

Auf der diesjährigen „didacta Bildungsmesse“ konnte ich mit der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin, Bundestagsvizepräsidentin und jetzigen Vorsitzenden der „Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.“ sprechen, Frau Ulla Schmidt.

Beim Interview traf ich auf eine Person, die niemandem mehr etwas beweisen muss, aber zu ihrem Werten und Forderungen steht, ungeachtet von Parteipolitik. Als ich ihr meine Fragen vorstellen wollte, antwortete Frau Schmidt ohne Hemmungen: „Ja ja, Sie können das alles machen.“

Schmidt: Ich bedanke mich für die Einladung.

Hendrik: Ich glaube, in vielen Interviews wurden Sie schon nach Politik gefragt, nach Ihrer Karriere, Ihrem Kommen und Gehen im Bundestag. Lassen Sie uns jetzt über etwas anderes sprechen. Sie waren vor Ihrem Einstieg in die Berufspolitik nämlich Förderschullehrerin in der Nähe von Aachen. Wie hat Sie das als Mensch geprägt?

Schmidt: Das hat mich sehr geprägt. Ich bin mit dem Lebensprinzip aufgewachsen, dass man soziale Verantwortung übernehmen muss. Ich habe damals nicht von mir selber aus entschieden, Sonderschullehrerin zu werden, sondern habe erst Grund- und Hauptschullehreramt studiert, bekam dann aber nur eine Stelle an einer damaligen “Sonderschule für Lernbehinderte.” Heute würde man sagen, eine Schule für “Kinder mit Förderbedarf Lernen”. Ich habe diese Arbeit so geschätzt, weil ich gesehen habe, wie viele Fähigkeiten der Kinder man durch individuelle Förderung entwickeln kann und wie begabt viele Kinder in vielen Bereichen sind. Nicht in allen Anforderungen, die man ihnen stellt, aber doch da, worin sie Potenzial haben. Ich habe dann berufsbegleitend das Studium der Sonderpädagogik für verhaltensauffällige und lernbehinderte Schülerinnen und Schüler absolviert. In den 80er Jahren arbeitete ich als sogenannte Integrationslehrerin im gemeinsamen Unterricht. Wir haben mit drei Lehrkräften aufgebaut, speziell für Kinder mit herausforderndem emotionalen Verhalten. Unsere Hauptaufgabe war es, in die Schule zu gehen und mit Lehrkräften, Kindern und Erziehenden zu arbeiten. Das prägt schon sehr.

Hendrik: Vielleicht schließt sich ja ein Kreis, wenn Sie über die Politik hinaus wieder einer Tätigkeit nachgehen, die auf die Schwächsten unserer Gesellschaft Rücksicht nimmt. Wie kamen Sie vor zwölf Jahren gerade zur Lebenshilfe?

Schmidt: Schon als Gesundheitsministerin stand ich immer im engen Kontakt mit der Lebenshilfe. Wir wissen bis heute, dass wir kein barrierefreies Gesundheitswesen haben, aber wir haben damals versucht, Schritt für Schritt die Bedingungen zu verändern, um auch Förderungen für Betreuung und viele andere Dinge zu schaffen. Und insofern habe ich eng mit der Lebenshilfe und anderen Organisationen zusammengearbeitet. Als der damalige Vorsitzende nicht mehr kandidierte, wurde ich dann gefragt. Ich habe gesagt, es kommt auf den Arbeitsaufwand an. Vier Vorstandssitzungen, wurde mir gesagt, und ja noch die geschäftsführenden Vorstandssitzungen. Ich entschied mich für die Lebenshilfe, weil mein Herz auch bei Kindern und Menschen mit Beeinträchtigungen war. Und ich kannte die Lebenshilfe auch vor Ort.

Hendrik: Sind es dann nur vier Sitzungen im Jahr geworden?

Schmidt: Nein, ein solches Ehrenamt ist natürlich ein Fulltime-Job. Aber das Gute war, dass ich in meiner Zeit im Deutschen Bundestag die Interessen der Menschen mit Behinderung immer in alle Politikbereiche einbringen konnte. (…). Ich mache das gerne, und es hat mich in meiner politischen Arbeit immer geerdet. Man kommt mit dem wirklichen Leben in Kontakt. Wir haben gerade eben [in der Veranstaltung] von Eltern gehört, die auf sehr viele Schwierigkeiten bei Rechtsansprüchen stoßen, die sie durchsetzen wollen. Und jetzt bin ich schon im 13. Jahr im Amt.

Hendrik: Wie kann man sich Ihre Arbeit eigentlich vorstellen? Ist es eher repräsentativ, wie hier auf der didacta, wo Sie viele Veranstaltungen besuchen oder auch geben, oder ist es organisatorisch und planerisch?

Schmidt: Eigentlich ist es beides, wobei das wirklich Organisatorische und Planerische die Bundesgeschäftsstelle übernimmt. Ich könnte mein Ehrenamt nicht ausüben, wenn ich nicht den professionellen Hintergrund hätte. Ich könnte nicht mal die Termine koordinieren. Als Bundesverband sind wir überall anerkannt, auch in der Fachkompetenz, und werden zu Gesetzen und vielen anderen Entscheidungen angehört. Da müssen natürlich Vorlagen entwickelt werden, aber die konzipieren wir auch zusammen, genehmigt vom Vorstand, basierend auf Grundlagen, auf die sich der Verband geeinigt hat. Es sind auch repräsentative Aufgaben, weil ich natürlich auf vielen Veranstaltungen dafür werbe, dass Inklusion zum grundlegenden Lebensmodell hier bei uns in Deutschland wird. Und Verbände und Ortsvereinigungen laden mich auch immer gerne zu Veranstaltungen ein. Es wird nicht langweilig, sagen wir mal so.

Ulla Schmidt am Mikrofon im Interview mit Hendrik Heim auf der didacta Bildungsmesse 2024
Mein Gespräch mit Ulla Schmidt auf der didacta 2024

Hendrik: Welche Rolle spielt die Lebenshilfe im Bereich Kinder- und Jugendhilfe sowie auch in der Schulbegleitung?

Schmidt: Die Lebenshilfe bietet selbst Schulbegleitung an. Zumindest in Nordrhein-Westfalen ist es leider so geregelt, dass die verschiedenen Organisationen auch die Schulbegleiter einstellen, geordnet je nach Behinderungsart, wir sind da immer noch sehr spartenorientiert. Ich würde mir wünschen, dass die Lebenshilfe oder andere Organisationen in der fachlichen Ausbildung zwar eine Rolle spielen, wir Schulbegleitung aber in der gesamten Klasse anbieten können und nicht nur für ein Kind zuständig sind. Es gibt Kommunen, die dafür sorgen, dass Schulbegleitung anständig bezahlt wird. Aber es ist nicht überall der Fall, dass Schulbegleiterinnen und -begleiter ganzjährig bezahlt werden und nicht nur, wenn das Kind in die Schule geht. Es gibt ein breites Spektrum an nicht fördernden Dingen, und da müssen wir weiterkommen.

Hendrik: Wo wir gerade bei den Dingen sind, die noch nicht laufen: Was würden Sie gerade im Bereich Inklusion an Schule verändern, wenn Sie es mal ganz frei machen könnten, ohne Einschränkungen, und es einfach mal durchsetzen könnten?

Schmidt: Man kann da von vier Punkten sprechen. Es braucht eine bundeseinheitliche Planung dahingehend, wie eigentlich unser Schulsystem umgestaltet werden soll , damit es dem Rechtsanspruch der Behindertenrechtskonvention genügt, die besagt, dass jedes Kind auch mit Beeinträchtigung das Recht hat, auf eine allgemeinbildende Schule zu gehen. Der Staat ist verpflichtet dafür zu sorgen, dass das in allen Klassenstufen funktioniert. Und das geht meiner Meinung nach nur mit einer bundesweiten Strategie. Die Kultusministerkonferenz geht heute davon aus, dass es bis 2030 wieder mehr Beschulung in Förderschulen gibt. Als Zweites sollte sich der Staat verpflichten, die finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Dafür zu sorgen, dass die Bildungsorte barrierefrei sind. Nicht nur Rollstuhlrampen, sondern auch barrierefreie Angebote für blinde Menschen oder für Gehörlose. Warum wird nicht beispielsweise in allen Schulen Gebärdensprache angeboten? Das Dritte ist, dass Lehrerausbildung umgestellt wird. Sonderpädagogische Kompetenzen müssen die Grundlage eines jeden pädagogischen Studiums sein. Erst darauf kommt dann die fachliche Kompetenz. Und als Viertes brauchen wir eine wirkliche Kampagne, die anerkennt, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, keine zusätzliche Belastung. Es hat mich erschreckt, dass in einer Umfrage herausgekommen ist, dem großen Teil der Lehrerschaft sei nicht bewusst, dass es sich hier um eine Menschenrechtsfrage handelt. Dafür muss man werben. Die Mehrheit der Menschen wollen Menschenrechte umsetzen.

Hendrik: Das sind ja einige Themen, die Sie umsetzen wollen und für die Sie ja auch arbeiten. Vielleicht ist es ja eine Entlastung, dass Sie aus der Tagespolitik mittlerweile draußen sind und trotzdem die Frage: sehen Sie das Bundesgesundheitsministeramt als ein sehr undankbares Amt an, gerade zu Corona-Zeiten? Sie haben das ja auch sicherlich verfolgt, ihre Nachfolger, die zu kämpfen hatten.

Schmidt: Als Gesundheitsminister oder -ministerin ist man jeden Morgen neu vor Herausforderungen gestellt. Das geht nicht nur uns (in Deutschland) so. Ich habe auch mit vielen Kollegen auf der internationalen und europäischen Ebene zusammengearbeitet. Manchmal war es in anderen Ländern noch viel schlimmer als bei uns. Das war schon herausfordernd. Aber ich habe das trotzdem gerne gemacht, weil man so viel bewegen kann und weil es auch eine sehr vielfältige Arbeit ist. Sie haben die lauten Verbände, sie haben aber daneben auch eine unheimliche Kompetenz. Sie haben eine hohe Innovationskraft im Gesundheitssystem. Ich kenne kaum ein anderes System, das so innovativ ist wie das Gesundheitssystem. Sie haben unheimlich viele Menschen, die ganz engagiert da sind, um andere da zu unterstützen, wo sie es brauchen. Aber natürlich ist da auch der Ärger, das ewige Auspfeifen, die Beschimpfungen bis hin zu Todeswünschen. Wir hatten damals die Herausforderungen mit der Vogelkrippe, dann gab es Herausforderungen mit Sars (, Epidemie in 2002/3), und dann waren die schwarzen Bomben unterwegs. Dann wurde befürchtet, Pocken-Viren seien im Umlauf, die absolut tödlich sind. Corona war nun auch eine besondere Situation. Das Gesundheitsministeramt ist ein Amt, wo Sie im Nachhinein denken, dass Sie vieles erreicht haben und vieles haben auf den Weg bringen können. Nicht immer alles, aber das ist in einer Demokratie so: man muss Mehrheiten haben und Kompromisse machen, sonst kann man nichts entscheiden.

Hendrik: Denken Sie schon an die Bundestagswahl 2025 und hoffen Sie persönlich auf eine weitere Ampelkoalition, fernab der Parteipolitik?

Schmidt: Naja, wenn man das aktuell sieht, hofft man nicht darauf *lacht*. Vielleicht auf andere Konstellationen. Ich finde manches sehr schwierig, aber ich muss auch sagen – ich bin jetzt so alt wie die Bundesrepublik – keine Politikergeneration hat nach der Gründung der Bundesrepublik vor so vielen neuen Herausforderungen gestanden, die ja global sind, die uns betreffen, obwohl alle gedacht haben, damit werden wir nicht mehr konfrontiert. Die Ampel hat auch viel geschafft. Im letzten Jahr hat trotz des Fehlens von Erdgas niemand gefroren. Wir haben der Ukraine helfen können, über eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine gut einbinden können und als zweitgrößter Unterstützer der Ukraine unheimlich viel in Deutschland geleistet, eine Aufgabe, die die Ampel gemeistert hat. Ich glaube, man muss da mit mehr Ruhe draufschauen und das auch ein bisschen weniger emotional und aus dem Bauch heraus beurteilen.

Hendrik: Vielleicht wird die Ampel historisch auch noch anders beurteilt werden, wer weiß. Jetzt nochmal auf die didacta bezogen – was haben Sie hier 2024 erlebt?

Schmidt: Ich konnte meine früheren Kolleginnen aus dem Sonderschulbereich hier treffen. Wir hatten eben eine Diskussion über das Thema “Anspruch und Wirklichkeit”, mit verschiedene Positionen, aus der Sicht eines Kultusministeriums, aus der Sicht der Lehrkräfteausbildung, einer Schulleitung und von mir. Es ging um eine Analyse, woran vieles scheitert und warum wir nicht weiter sind, in einem Land, in dem das möglich wäre. Eigentlich ist es beschämend wie wenig wir in der schulischen Inklusion erreicht haben. Wir haben viele tolle Schulen mit Angeboten, aber nicht überall und auch nicht für jeden und jede zugänglich. Die zweite interessante Veranstaltung heute war die Inklusionssprechstunde, bei der wir waren. Da konnten Fragen gestellt werden, und es wurde nochmal deutlich, wie viele Schwierigkeiten Eltern heute noch haben, ihre Rechtsansprüche durchzusetzen. Das geschriebene Recht ist das eine, ich sage immer, das gelebte Recht ist relevant. Und dort gibt es oft Diskrepanzen. Und ansonsten habe ich Interviews geführt, mit Ihnen und mit anderen Leuten. Und dann muss ich auch wieder weiter *lacht*.

Hendrik: Als letzte Frage, die ich allen Gesprächspartner*innen auf der Messe stellen möchte, also auch Ihnen, nun diese: was ist Ihr Traum vom Bildungssystem im Jahr 2050?

Schmidt: Ein Bildungssystem, das in der Lage ist, im Regelschulsystem jedem Einzelnen die individuelle Unterstützung zu geben. Um das Leben bewältigen, den rechten Platz finden, seine Fähigkeiten erkennen und die Chancen wahrnehmen zu können, die es bis dahin geben wird.


Fotos:

-Beitragsbild: SPD Fraktion/ Foto: Benno Kraehahn

-Bild 2: privates Bild, im Zuge der Interviewaufnahmen mit Frau Schmidt entstanden

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Sind Noten noch zukunftsfähig?


Seit Jahrhunderten gibt es Noten und für viele gehören sie fest zur Schule dazu. Doch Studien zeigen, dass Noten großen psychischen Druck auslösen können. Spielt diese Art von Bewertung in der Zukunft noch eine Rolle, oder kann es auch anders gehen?

Schülerinnen und Schüler sind psychisch immer gestresster. Das ergaben gleich mehrere deutsche Studien in den letzten Jahren. Eine Forsa-Studie attestierte 2018 bereits 30 Prozent der Schüler:innen ernsthaften Leistungsdruck – und das vor der Corona-Pandemie. Die neusten PISA-Ergebnisse beziffern die Zahl der Jugendlichen, die „ängstlich“ oder „bedrückt“ im Unterricht sind, auf 14,8 beziehungsweise 16,8 Prozent. Den größten Stress verursacht dabei das eigene Verlangen der Schüler:innen, bessere Noten zu bekommen. Alina, eine Schülerin der Internatsschule Schloss Hansenberg in Geisenheim meint dazu: „Die Benotung meiner Leistung führt dazu, dass ich das Gefühl habe, ich werde als ganze Person darauf reduziert. Deshalb mache ich mir einen riesigen Druck, um ansatzweise stolz auf mich sein zu können.“

Wie also lässt sich der psychische Druck bei Noten mit ihrem eigentlichen Zweck in Verbindung bringen?

Funktion von Schulnoten

Im europäischen Raum gibt es Noten schon seit 450 Jahren. Die ersten Notensysteme wurden dabei in Klöstern entwickelt. Sie führten strenge Zensurensysteme (censura = Kritik, Rüge) in den Klosterschulen ein, vor allem zur Disziplin. Auch in unserer Zeit sollen Noten bestimmte Zwecke erfüllen. Damals wie heute sollen sie zur Motivation dienen. Schüler:innen sollen dazu gebracht werden, dem Unterricht intensiv zu folgen und sich zu benehmen. Außerdem helfen Noten den Eltern dabei, den Lernerfolg ihrer Kinder zu überprüfen. Lehrkräfte können mithilfe von Noten erkennen, wie gut der Lernstoff vermittelt wurde.
Den meisten Stress löst wahrscheinlich die Selektion durch Schulnoten aus. Sie entscheiden darüber, wer auf das Gymnasium geht oder welche Schüler:innen die Real- oder Gesamtschulen besuchen. Eine Frage, die für das weitere Leben sehr entscheidend sein kann. Spätestens bei der Wahl des Studienplatzes spielen Noten eine determinierende Rolle.

Ein Schulweg ohne Noten

Blickt man heute auf alternative Schulformen, findet man durchaus Beispiele, die zeigen, dass es ohne Noten gehen kann. In Deutschland ist die Waldorfschule die bekannteste Schulform. Noten für alle gibt es hier erst in den Abschlussklassen, ein verpflichtendes Sitzenbleiben ist nicht möglich. Trotzdem funktioniert der Unterricht. Auf der Website des Bunds Freier Walldorfschulen heißt es: „Eigeninitiative entwickeln die Kinder und Jugendlichen nicht aufgrund von äußerem Leistungsdruck, sondern aus lebendigem Interesse und persönlicher Begeisterung.“ Dies gelingt durch Fächer, die mehr mit der Lebensrealität der Schüler:innen zu tun haben. Wer beim gemeinsamen Kochen die sieben Getreidearten kennenlernt und danach selbstgebackenes Brot verzehrt, lernt mehr als durch jedes Arbeitsblatt. Theaterprojekte schulen den sprachlichen Ausdruck der Lernenden. Und durch zwei Fremdsprachen ab Klasse 1 gelingt eine spielerische Sprachförderung. Die Bewertung erfolgt durch individuell abgestimmte Beurteilungsbögen und direkte Gespräche.
Aber wird man ohne Noten denn wirklich auf das Berufsleben vorbereitet, dass ja schließlich geprägt von Kontrolle, Ordnung und Verpflichtungen ist? Nun, zumindest spricht nicht viel dagegen, denn in Waldorfschulen werden viel mehr soziale Kompetenzen gelehrt, die ebenso wichtig für das spätere Leben sind, und Fundament jedes guten Arbeitsverhältnisses.
Andere Länder kennen derweil gar keine Noten. Beispielsweise Finnland, dessen Schüler:innen bei internationalen Vergleichen zu den gebildetsten gehören.

Noten sind nicht objektiv

Das wissenschaftliche Ergebnis zur Notwendigkeit von Noten ist derweil: es gibt keine. Der Pädagoge Hans Brügelmann fand 2006 mit seinem Team heraus, dass Zensuren weder objektiv noch personenunabhängig sind. Ferner spielt bei der Notengebung die Herkunft der Schüler:innen immer noch eine große Rolle. Diese starten schon mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schulzeit. Dass eine ganz unabhängige Leistungsmessung unerreichbar ist, stellten Wissenschaftler:innen in einer 2012 herausgegebenen Studie der Vodafone-Stiftung zu sozialen Ungleichheiten in der Schule fest.
Oftmals lohnt es sich im Leben, das gerade Gültige kritisch zu hinterfragen und nach neuen, besseren Lösungen zu suchen. So auch bei der Notenthematik. Denn Schulnoten sind nicht objektiv, sie sind stets objektifiziert. Sie versuchen, individuelle Leistungen in ein festes Raster zu packen, das Druck auslöst und oftmals demotiviert. Doch schlussendlich lernt man nicht für Noten, man lernt fürs Leben.

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Die PISA-Studie 2022 – Erklärung, Ergebnisse, Reaktionen

Wer sich ein wenig für Bildungspolitik interessiert, oder in letzter Zeit einfach die Nachrichten verfolgt hat, wird an einem Thema nicht vorbeigekommen sein – die PISA-Studie 2022.

In diesem Post werde ich mal eine kleine Zusammenfassung geben dazu, was es damit auf sich hat, und kurz und knapp beleuchten, warum die Ergebnisse eigentlich so verheerend sind. Alles, was ihr wissen müsst in diesem Artikel!

Die PISA-Studie – was ist das eigentlich?

Die „PISA-Studie“ ist eine Studie, die in der Regel alle drei Jahre von der OECD veröffentlicht wird, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort sind sehr viele westliche Länder Mitglied, insgesamt 38 Staaten.

Vor allem westliche Staaten sind Mitglied in der OECD, wie in der Grafik zu sehen.
Bildquelle: Deutsche Welle

Die OECD beauftragt dann das PISA mit der Durchführung, das „Programme for International Student Assessment“. 1

Und wie funktioniert das?

Im Grunde funktioniert die PISA-Studie so: eine internationale Studienleitung wird von der OECD mit der Durchführung beauftragt. Diese erstellt dann Online-Tests zu drei Bereichen: Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz. In den 88 teilnehmenden Staaten, also den OECD-Ländern und weiteren Partnerstaaten werden dann 15-jährige ausgelost, die die Tests durchführen. Dabei ist das Ziel, dass die Schüler*innen am Ende der Schullaufbahn geprüft werden sollen, zumindest theoretisch. In Deutschland nehmen 9. Klassen teil. Wer ausgelost wird, ist zur Teilnahme verpflichtet.2

 Ganz wichtig ist also! Wenn von einem PISA-Schock die Rede ist,   bezieht sich das immer nur auf die oben genannten drei Testbereiche. Was soziale, kreative oder praktisch-handwerkliche Kompetenzen angeht, wird von der Studie nicht erfasst oder gemessen!

Wie kommen die Ergebnisse zustande?

In der Bewertung der Aufgaben gibt es grundsätzlich eine Skala mit einem Mittelwert von 500 Punkten. Je nachdem, wie viele Punkte die teilnehmenden Schüler*innen erreichen, werden sie dann in „Kompetenzstufen“ eingeteilt, praktisch also in Noten, die zeigen, wie gut die Schüler*innen auf das echte Leben und die Gesellschaft da draußen vorbereitet sind. Die Kompetenzstufen gehen von I (römisch 1) bis VI (römisch sechs). Sogenannte leistungsschwache Schüler*innen liegen unter der Stufe II, leistungsstarke Schülerinnen liegen auf Stufe V oder VI.

Wenn also gesagt wird „30 Prozent sind leistungsschwach“, dann sind das zumindest in Mathe die Teilnehmenden mit Kompetenzstufe I als Ergebnis.

Die Tests an sich bestehen dann aus Fragen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, freien Antworttexten, oder auch Schiebemenüs. Gezeichnet werden muss also beispielsweise nicht.

Mathe – so abgehängt wie noch nie

Mathematik ist ein wichtiger Bereich der Online-Tests im Rahmen der PISA-Studie
Bildquelle: George Becker (pexels.com)

Schauen wir jetzt mal auf den ersten Testbereich – Mathematik. Als erstes müssen wir betrachten, nach welchen Kriterien der Online-Test durchgeführt wurde.

Was bewertet wird

Für die PISA-Studie 2022 hat sich die Studienleitung neue Konzepte dahingehend überlegt, wie sie die Kompetenzen in Mathe messen will. Zusammengefasst: die mathematischen Aufgaben sollen alltags- und realitätsnah sein, Schule also auf das berufliche Leben vorbereiten. Die OECD beschreibt Mathematik-Kompetenz als…

„…die Fähigkeit einer Person zum mathematischen
Argumentieren
 sowie Mathematik in einer Vielzahl von Alltagskontexten einzusetzen, in denen Problemstellungen mathematisch formuliertbearbeitet und interpretiert werden. (…) Mathematikkompetenz hilft Personen zu erkennen, welche Rolle Mathematik in der Welt spielt, um fundierte Urteile abzugeben sowie gut begründete Entscheidungen zu treffen, so wie sie von konstruktiven, engagierten und reflektierten Bürgerinnen und Bürgern des 21. Jahrhunderts benötigt werden„-OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), 20233

Besonders wichtig ist im Test also die Kompetenz des Mathematischen Argumentierens, so wie oben genannt. Dafür braucht man dann mathematische Kompetenzen (Größen, Zahlensysteme, Abstraktion, Modellieren, Statistik, etc.). All jenes wird im Test abgefragt, so erkennt man, ob im deutschen Schulsystem diese Kompetenzen auch wirksam vermittelt werden.

Was dabei herausgekommen ist

Blickt man auf die deutschen Ergebnisse der Pisa-Studie 2022, muss man feststellen, dass immer weniger Schüler*innen hierzulande diese so wichtigen Fertigkeiten haben. Was uns zu den brisantesten Daten und Fakten bringt:

  • Im Gesamtwert erreichte Deutschland Platz 21 im „Länderranking“, und liegt damit ganz leicht über dem internationalen Durchschnitt.
  • 30% aller Schüler*innen werden als leistungsschwach eingestuft.3 von 10 Schüler*innen könnten also Schwierigkeiten haben, tatsächlich nach der Schule in Beruf und Gesellschaft anzukommen und mit ihren mathematischen Kompetenzen mitzuhalten. Das sind fast eineinhalb mal so viele Schüler*innen wie in der Studie 2018. Nur 8,6% gelten als leistungsstark.
  • Beim Vergleich von Gymnasiast*innen und Nichtgymnasiast*innen liegen die ersteren zirka zwei Kompetenzstufen über der zweiten Gruppe.

Wie kommt der Matheunterricht an?

Das Besondere an der in diesem Jahr herausgekommenen Studie ist, dass nicht nur die Leistungen in Mathe abgefragt wurden, sondern auch die Motivation der Lernenden in dem Fach, die Emotionen, die sie im Unterricht verspüren und die Verhaltensweisen, die sie nach eigenen Aussagen an den Tag legen. Und da sind sehr interessante Ergebnisse herausgekommen:

  • Ein Drittel der befragten Jungen gibt an, Angst davor zu haben, in Mathematik zu versagen. Bei den Mädchen sind es sogar über 52 Prozent.
  • Dagegen sind insgesamt nur 30,4% im Unterricht motiviert dabei, ca. 40% langweilt sich sogar.
  • Angespannt bei den Mathehausaufgaben sind ganze 24,5% der Jungen und 34,6% der Mädchen.

Trotz der negativen Emotionen beim Matheunterricht und der geringen Motivation darf aber eines auf keinen Fall übersehen werden – den Drang der Schüler*innen, neues zu lernen. Denn ganze 91% wollen in Mathematik gute Leistungen erbringen. Und trotzdem ist der Glaube daran, dass dies möglich ist, immer geringer geworden. Die Mehrheit der Befragten gibt an, dass sie mathematische Kompetenz als schwerer veränderbar empfindet als Intelligenz. Somit mangelt es in Deutschland eindeutig an den richtigen Lernmethoden Denn wo jetzt noch Angst vor schlechten Noten herrscht und sich Resignation breit macht müsste eigentlich eine Motivation da sein, die aber eben nur von einer guten Lernatmosphäre, dem Mitnehmen auch der breiten Masse und dem Wegkommen von auswendig zu Lernendem erzeugt werden kann. Das alte Lied von der Bildungswende – in diesen Zahlen eindeutig begründet.

NaWi? Ging schon mal besser

Naturwissenschaftliche Kenntnisse sind essentiell für ein Zurechtkommen in unserer modernen Gesellschaft.
Bildquelle: Pixabay (pexels.com)

Klar ist – Kenntnisse in den Naturwissenschaften sind extrem wichtig. Zu wissen und zu erkennen, wie unser Planet und das Leben auf der Erde funktioniert, ist ein Grundbaustein dessen, was Schüler*innen nach der Schule an Kompetenzen ins spätere Leben mitbringen sollten. Deswegen machen Naturwissenschaften den zweiten großen Bereich der PISA-Tests aus.

Was bewertet wird

In der folgenden Grafik sieht man die Kompetenzen, die im Test abgefragt werden sollen. Zusammengefasst sollen die Schüler*innen also die Welt um sie herum verstehen, indem sie Alltagssituationen im Alltag, die für sie persönlich, aber auch national und global bedeutend sind erklären, untersuchen, und die herausgefundenen Daten analysieren.

Hier sehen wir die Kompetenzen, die das PISA bei der Testung der naturwissenschaftlichen Kompetenzen abfragt.
Bildquelle: „PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“

Was dabei herausgekommen ist

In Deutschland gibt es, was diese Kompetenzen angeht, leider nur mittelmäßige Testergebnisse:

  • Deutschland nimmt im „Länderranking“ Platz 18 ein, und liegt damit nur unwesentlich über dem internationalen Durchschnitt. Es ist das schlechteste Ergebnis überhaupt für das Land.
  • Etwa 23% der Schüler*innen sind leistungsschwach, was Naturwissenschaften angeht. Weniger als 10% können als leistungsstark eingestuft werden.
  • Schüler*innen am Gymnasium sind im Schnitt 1,5 Kompetenzstufen über denen an nichtgymnasialen Schulen.

Zwar sind die naturwissenschaftlichen Ergebnisse nicht so verheerend wie die im Bereich Mathematik, und die Kompetenzen der deutschen Schüler*innen können noch als „anschlussfähig“ im internationalen Vergleich betrachtet werden. Trotzdem fehlen der breiten Masse wichtige Kompetenzen, es muss sich also auch hier dringend etwas am Bildungssystem ändern.

Wie gut können wir lesen?

Die Lesekompetenz ist sehr wichtig - gerade für Jugendliche.
Bildquelle: Pixabay (pexels.com)

Im dritten Testbereich der PISA-Studie geht es um die Lesekompetenz der 15-Jährigen. Nur wer lesen kann, kann wirklich in einer Gesellschaft teilhaben. Und angesichts der neuen Gefahren von Social Media sehen wir, dass ein richtiges Analysieren und Entlarven von Falschinformationen immer wichtiger wird.

Was bewertet wird

Wie in den beiden anderen Bereichen auch, mussten die Schüler*innen in diesem Test Fragen beantworten, hier aber zum Inhalt, zur Art oder zum Wahrheitsgehalt von Texten, die ihnen gegeben wurden. Sie mussten also analysieren, welche Bestandteile der Text hatte, und welche Absichten hinter seinem Verfassen steckt.

Was dabei herausgekommen ist

  • Die Lesekompetenz der deutschen Jugendlichen ist in den letzten Jahrzehnten immer schlechter geworden und erreicht in der jüngsten Studie ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt. International landen wir hier auf Platz 22.
  • Immer mehr Lernende sind „leseschwach“, mittlerweile über 25%, gleichzeitig verfügen auch immer weniger Schüler*innen über eine sehr gute Lesekompetenz (8,2%)

Generell lassen sich diese Werte damit erklären, dass wir in Deutschland in den letzten Jahren viele Zuströme von Geflüchteten aus arabischen oder afrikanischen Ländern hatten. Für diese Jugendliche ist es sehr schwer, gut Deutsch zu lernen. Die Ergebnisse, zusammen mit dieser einen Erklärung dazu, zeigen auf, wie wichtig die Förderung von Lesekompetenz schon von der Grundschule an ist.

Reaktionen auf die PISA-Ergebnisse 2022 für Deutschland

Selten ist es der Fall, dass Bildungspolitik wirklich Schlagzeilen macht. Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie ist aber genau dies gelungen. Reaktionen darauf möchte ich nun in diesem letzten Kapitel des Posts zeigen.

Bildungswissenschaft

Wer ganz genau wissen will, wie es um die PISA-Ergebnisse steht, muss eigentlich nicht viel mehr tun als 332 Seiten zu lesen. So lang ist nämlich die „PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“, herausgegeben vom Waxmannverlag. Und dort analysieren namhafte Bildungswissenschaftler*innen in jedem Kapitel die Ergebnisse:

S.83 „Die Ergebnisse von PISA 2022 sollten – ähnlich wie die der ersten PISA-Studie 2000 – zu einer intensiven Diskussion auf Ebene des Bildungssystems führen. (…) Der Blick in einige Nachbarstaaten sollte dabei hilfreich sein.

S.135 Bildung eröffnet Lebenschancen, sie ist der vielversprechendste Weg zu einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe. Entsprechend gilt es, ausreichend Bildungsangebote bereitzustellen und ihre Nutzung sicherzustellen. Forschungsergebnisse haben hier wiederholt aufgezeigt, dass sowohl motivationale Faktoren (…) als auch die Unterrichtsqualität (…) die naturwissenschaftliche Kompetenz von Schülerinnen fördern können.

S. 160 In einer erfolgreichen Bildungsgesellschaft muss (…) ein Klima für Hunger nach Bildung, nach Büchern, nach dem Lesen – gerade auch in digitalen Formen – entstehen. (Es) sollte das Buch, ebenso wie das (digitale) Lesen, als wertvollstes Grundbedürfnis geschützt, gepflegt, verbessert und entwickelt werden.„PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“, Kapitel 4-6 (S.83, 135, 160)4

Schüler*innen

Neben vielen anderen Vereinen, Verbänden und Gewerkschaften hat sich auch die oberste Vertretung aller Schüler*innen, die Bundesschülerkonferenz zu Wort gemeldet, vertreten durch ihren Generalsekretär Florian Fabricius:

Am Ende des Tages ist es keine Frage davon, wie meine Generation, wie wir als Schüler abschneiden. Es ist am Ende eine systemische und strukturelle Frage, davon, dass Bildung vernachlässigt wurde und dass wir an allen Ecken und Enden merken, dass Bildung zu kurz kommt, bei Lehrkräftemangel, dem riesigen Investitionsstau oder mentaler Gesundheit. (…) Auch Lehrer leiden unter diesem System.Florian Fabricius, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz in Deutschlandfunk Kultur am 05.12.2023 5

Lehrkräfte

Und auch die Lehrkräfte meldeten sich gleich nach Herauskommen der Studie zu Wort. Für einen Verband sprach Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands:

 „Obwohl die Studie schulische Bildungsziele als Gesamtheit nicht ausreichend abbildet, bestätigt sie doch insgesamt leider negative Trends, die wir seit Jahren beobachten. (…)Es ist wichtig, dass die Politik den Fachunterricht wieder zur Priorität erklärt. Lehrkräfte müssen umgehend und nachhaltig von unterrichtsfernen Aufgaben entlastet werden – sie sind weder Hilfskräfte in der Verwaltung, Sozialarbeiter noch Reiseverkehrskaufleute. Sie sind Fachleute für die Vermittlung ihrer Fächer – die brauchen wir, wie die fachlichen Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler in PISA zeigen, heute mehr denn je. (…) Das Beherrschen der deutschen Sprache ist und bleibt die Grundlage unserer Kultur und damit das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wir dürfen es einfach nicht hinnehmen, dass sie von so vielen jungen Menschen in unserem Land nicht ausreichend beherrscht wird.“-Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing in einer Pressemitteilung vom 05.12.6


  1. https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/die-zehn-wichtigsten-ergebnisse-der-pisa-studie/ ↩︎
  2. PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland (alle folgenden Daten und Fakten ebenso mit dieser Quelle, Zitatquellen siehe unten) ↩︎
  3. siehe 2. ↩︎
  4. siehe 2. ↩︎
  5. https://www.deutschlandfunkkultur.de/pisa23-so-reagieren-die-schueler-dlf-kultur-3cfc7974-100.html ↩︎
  6. https://www.dphv.de/2023/12/05/aktuelle-pisa-ergebnisse-zeigen-fachunterricht-muss-wieder-prioritaet-erhalten/ ↩︎
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Das Französisch-Battle

Es ist Zeit, ein allseits diskutiertes Thema anzugehen: Die Notwendigkeit des Französischunterrichts. Deswegen kommt heute das große „Französisch-Battle“! Es treten an: mein Französischlehrer gegen David, seines Zeichens ernüchterter Französischschüler im fünften Lernjahr.

Beiden habe ich mal die Frage gestellt, wie sie grundsätzlich zum Französischunterricht an der Schule stehen, warum sie dafür oder dagegen sind und was für sie ein gutes Ausnutzen der Schulzeit bedeutet. Dabei herausgekommen sind zwei ganz unterschiedliche Ansichten.

Mein Französischlehrer findet, dass es im 21. Jahrhundert schlicht und ergreifend nötig sei, viele Sprachen zu sprechen:

Herr Rauschenbach: In der heutigen Welt reicht es nicht aus, nur eine einzige Fremdsprache zu beherrschen. Ein Schüler, der mehrere Sprachen lernt, erhöht seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt im In- und Ausland. Eine andere Sprache lernen bedeutet eine Bereicherung und eine Erweiterung des persönlichen und beruflichen Horizonts. Zudem ist Französisch zusammen mit Englisch die einzige Sprache, die auf allen fünf Kontinenten gesprochen wird – rund 300 Millionen Menschen auf diesen fünf Kontinenten sprechen Französisch. Es ist nach Englisch die Sprache, die am häufigsten gelernt wird, und belegt unter den am meisten gesprochenen Sprachen den sechsten Platz. Nach Englisch ist Französisch auch die Sprache, die weltweit am häufigsten unterrichtet wird, 61 Staaten und Regierungen sind frankophon, d. h. Französisch ist dort Mutter-, oder Verwaltungssprache.           

Diese geflügelten und zugleich wahren Worte dämpft David radikal mit seinen Aussagen. Wobei es eigentlich ganz gut anfing…

David: Seit der 7ten Klasse quäle ich mich schon mit Französisch. Mein größtes Problem mit dem Fach kommt vor Allem von den verschiedenen Lehrkräften, die ich im Laufe der Zeit hatte. Die ersten drei Jahre hatte ich noch Spaß an Französisch, da meine Lehrerin motiviert war und es auch schön den Schülern beigebracht hat. Zu dieser Zeit habe ich mich sogar auf den Französischunterricht gefreut.                                  

Irgendwann allerdings ging es für ihn mit dem Fach radikal bergab:

David: In den nächsten Jahren wurde der Unterricht immer schlimmer, ich hatte Lehrkräfte, welche die ganze Stunde an der Tafel standen, ohne auf Rückfragen zu reagieren, ohne, dass es irgendjemand verstanden hat. Daher habe ich eine immer stärkere Abneigung gegen Französisch entwickelt. Dazu kommt auch noch, dass ich die grundlegende Grammatik nie gelernt habe und jetzt dadurch auch keine Lust habe sie neu zu lernen.                             

Harte Worte. Zugegeben eher gegen einige Französischlehrkräfte, deren Kompetenzen ja immer individuell bewertet werden müssen. Trotzdem erlebe ich, dass es sehr vielen so geht wie David. Ich weiß, auch mein Französischlehrer würde das bestätigen. Grundsätzlich stuft dieser Französisch aber als einfach ein. Die französische Sprache verlange zwar eine gewisse Präzision, durch ihre Vielfalt lassen sich jedoch zahlreiche Nuancen zum Ausdruck bringen und bereits nach einigen Unterrichtsstunden können die Lernenden in Französisch kommunizieren.

Mich hat dieser Satz amüsiert, dehnt er den Begriff von Kommunikation doch sehr weit aus. Und gerade die Nuancen sind es doch, die schlechte Unterscheidbarkeit in der Aussprache von verschiedenen Worten, die die Sprache schwer machen.

Herr Rauschenbach: Insgesamt trägt das Erlernen von Französisch auch zu einem besseren Verständnis von Kultur und Geschichte unseres „Nachbarn“ bei, und macht auch hoffentlich Lust, französische Literatur zu lesen oder Filme im französichen Original zu schauen.        

Vielen in meinem Alter wird es genauso gehen, da bin ich mir sicher. Sich auch im Ausland auszudrücken ist ja nicht zuletzt einfach eine gewaltige Erfahrung, die einen auch neue Eindrücke machen lässt. Und trotzdem gibt es noch mehr Jugendliche, die weder sprachbegabt sind, noch Interesse an der Sprache haben. David meint dazu:

David: Da ich ein sehr technisch fokussierter Schüler bin, würde mich anstatt Französisch ein weiteres naturwissenschaftliches Fach interessieren. Als Beispiel würde mir Maschinenbau bzw. Elektrotechnik für mich als sinnvoller und auch ansprechender vorkommen.

Das Schlusswort dieses kleinen Diskurses gebührt dann meinem Französischlehrer:

Herr Rauschenbach: Französisch lernen bedeutet in erster Linie, eine schöne, vielfältige und melodische Sprache zu lernen, die auch häufig als Sprache der Liebe bezeichnet wird. Französisch ist außerdem eine analytische Sprache, mit der sich ein Gedankengang strukturieren und ein kritischer Geist entwickeln lässt, was besonders in Diskussionen und Verhandlungen von großem Nutzen ist.

Ich finde, man kann beide Ansichten zusammenbringen. Schlicht und ergreifend in einer größeren Wahlmöglichkeit an Fächern in der Schule. Bestimmt fällt das Sprachenlernen auch unter schwereren Bedingungen manchen Schüler*innen einfacher als David. Andererseits würden auch nicht alle in Maschinenbau klarkommen, einem Fachbereich, ohne den unser modernes Leben gar nicht funktionieren würde. Kommen wir also zu einer Lösung – einer Lösung, in der nicht die Pflicht scheinbar sinnvoller Lehrinhalte im Vordergrund steht, sondern praxisnaher und frei wählbarer Unterricht! Diejenige, die diese Fächer wählen, und das aus guten Gründen tun, müssen neben der Grammatik auch die Interaktion lernen, denn niemandem nützen Imparfait und Conditionnel présent, wenn es letztendlich nur Buchstaben auf Lernzetteln sind, und einem dann doch nicht weiterhilft, in der Pariser Innenstadt beim Bäcker.


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