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Wie viel Schule braucht der Mensch?

Kultusministerkonferenz

Schule als Pflicht, Bildung als Recht – wie viel Wissen braucht es, um im Leben erfolgreich zu sein? Und wie kann das deutsche Bildungssystem verbessert werden? Bildungsexperte Prof. Dr. Olaf Köller gibt MADS Antworten

Kinder und Jugendliche in Deutschland haben nicht nur die Pflicht zur Schule zu gehen, sondern auch ein Recht auf Bildung. Das Bundesverfassungsgericht hat dies während der Corona-Pandemie betont und die Bundesländer aufgefordert, den Unterricht trotz Schulschließungen fortzusetzen. Bildung ist deswegen so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft der Zugang ist zu Arbeit, zu Geld und zu lebensnotwendigen Ressourcen.

Bildung als Minimum

Das sogenannte “Bildungsminimum” definiert, was jeder Schüler und jede Schülerin in Deutschland mindestens wissen sollte. Seit 2004 ist bundesweit festgeschrieben, welches Wissen in Mathematik, Deutsch, Englisch und den drei Naturwissenschaften nötig ist, bevor man die Schule verlässt – unabhängig vom Bundesland und Schulabschluss.

Für genauere Antworten habe ich mit Prof. Dr. Olaf Köller gesprochen. Der Psychologe ist Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Zusammen mit 15 weiteren Wissenschaftler*innen berät er die zuständigen Kultusministerinnen und -minister der Länder in Schulfragen. Er erklärt, dass das Bildungsminimum junge Menschen dazu befähigen soll, berufliche Teilhabe zu erreichen und ein selbstständiges Leben zu führen. Dazu gehören auch soziale Kompetenzen, finanzielle Bildung und ein Verständnis für Demokratie. Nur so kann man sich in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zurechtfinden.

Reicht unser Wissensstand aus?

Um zu kontrollieren, wie viel die Schülerinnen wissen, gibt es das „Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“. Es führt regelmäßig Leistungstests an Schulen durch. Die Ergebnisse sind alarmierend: immer mehr Schülerinnen haben essentielle Kompetenzen nicht erworben. “In Berlin verlassen vier von zehn Schüler*innen ohne ein Bildungsminimum die Schule”, sagt Köller. Das Land der Dichter und Denker schwächelt. International ist Deutschland im Mittelfeld, hinkt aber gerade in Sachen Digitalisierung zurück.

Die Politik hat reagiert und versprochen, den Anteil der Bildungsschwachen zu halbieren. Große Probleme entstehen, wenn aufgrund von geringer Bildung später Schwierigkeiten im Beruf auftreten. “Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die nur den Hauptschulabschluss erreichen, kommen nicht in qualifizierte Ausbildung, sie sind die Modernisierungsverlierer”, warnt Köller. Er fordert, alles daran zu setzen, dass möglichst viele Jugendliche mindestens einen Mittleren Schulabschluss erreichen.

Prof. Dr. Olaf Köller, Bildungsexperte

Die Frage nach dem Zugang zu Bildung

Es ist klar, dass sich etwas ändern muss im deutschen Bildungssystem. Doch wie gelingt das? Köller hat dazu Vorschläge. Zum Einen betont er, dass soziale Ungleichheiten bereits direkt nach der Geburt entstehen. Daher könne eine angemessene Frühförderung schon vor der Grundschule viel ausmachen. „Aktuell erleben wir bei 6-Jährigen einen Leistungsunterschied von drei Jahren.“ Grundlagen wie Lesen und Schreiben müssten in der Grundschule gefestigt und immer wieder kontrolliert und geübt werden.

Professor Köller hält es auch für wichtig, nach Deutschland geflüchtete Kinder richtig zu integrieren, um ihnen gute Startchancen zu ermöglichen. Wer 2015 während der großen Migrationswelle in die 2. Klasse kam, habe, so die Ergebnisse der internationalen PISA-Studie, bis zur 9. Klasse oft nicht hinreichend Deutsch gelernt. Deshalb brauche es mehr Investitionen. Aktuelle Förderprogramme seien schon hilfreich. Für echte Veränderungen bräuchte es aber noch viele Milliarden mehr. Die sind aktuell nicht da.

Es braucht neue Lernmethoden

Noch viel wichtiger als die Länge der Schulzeit ist es, wie der Unterricht gestaltet ist, um uns Jugendliche zum Lernen zu motivieren. Dies erkennt auch Bildungsexperte Köller an: „Ein Unterricht ohne Noten ist möglich. Andere Lernformen als Unterricht mit sechs Stunden á 45 Minuten können ebenfalls sinnvoll sein. So wie sich das Bildungssystem aber jetzt aufstellt, ist es nicht zukunftsfähig.“ Neue und effektivere Lernmethoden zu schaffen, ist noch nicht gelungen.

Derzeit wird viel nach neuen Lernmethoden bzw. „Didaktiken“ geforscht. Die Politik muss die Bildungskrise anerkennen und richtige Schlüsse daraus ziehen. Denn Bildung ist nicht nur die Grundlage für unsere Wirtschaft. Lernen allgemein ist die Grundlage menschlichen Seins.


Titelbild: Collage zusammengestellt von Hendrik Heim auf canva.com mit lizenzfreiem Bild

Bild 1: https://deutsches-schulportal.de/autoren/olaf-koeller/

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Ulla Schmidt: „Mehrheit will Menschenrechte“

Ulla Schmidt

Auf der diesjährigen „didacta Bildungsmesse“ konnte ich mit der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin, Bundestagsvizepräsidentin und jetzigen Vorsitzenden der „Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.“ sprechen, Frau Ulla Schmidt.

Beim Interview traf ich auf eine Person, die niemandem mehr etwas beweisen muss, aber zu ihrem Werten und Forderungen steht, ungeachtet von Parteipolitik. Als ich ihr meine Fragen vorstellen wollte, antwortete Frau Schmidt ohne Hemmungen: „Ja ja, Sie können das alles machen.“

Schmidt: Ich bedanke mich für die Einladung.

Hendrik: Ich glaube, in vielen Interviews wurden Sie schon nach Politik gefragt, nach Ihrer Karriere, Ihrem Kommen und Gehen im Bundestag. Lassen Sie uns jetzt über etwas anderes sprechen. Sie waren vor Ihrem Einstieg in die Berufspolitik nämlich Förderschullehrerin in der Nähe von Aachen. Wie hat Sie das als Mensch geprägt?

Schmidt: Das hat mich sehr geprägt. Ich bin mit dem Lebensprinzip aufgewachsen, dass man soziale Verantwortung übernehmen muss. Ich habe damals nicht von mir selber aus entschieden, Sonderschullehrerin zu werden, sondern habe erst Grund- und Hauptschullehreramt studiert, bekam dann aber nur eine Stelle an einer damaligen “Sonderschule für Lernbehinderte.” Heute würde man sagen, eine Schule für “Kinder mit Förderbedarf Lernen”. Ich habe diese Arbeit so geschätzt, weil ich gesehen habe, wie viele Fähigkeiten der Kinder man durch individuelle Förderung entwickeln kann und wie begabt viele Kinder in vielen Bereichen sind. Nicht in allen Anforderungen, die man ihnen stellt, aber doch da, worin sie Potenzial haben. Ich habe dann berufsbegleitend das Studium der Sonderpädagogik für verhaltensauffällige und lernbehinderte Schülerinnen und Schüler absolviert. In den 80er Jahren arbeitete ich als sogenannte Integrationslehrerin im gemeinsamen Unterricht. Wir haben mit drei Lehrkräften aufgebaut, speziell für Kinder mit herausforderndem emotionalen Verhalten. Unsere Hauptaufgabe war es, in die Schule zu gehen und mit Lehrkräften, Kindern und Erziehenden zu arbeiten. Das prägt schon sehr.

Hendrik: Vielleicht schließt sich ja ein Kreis, wenn Sie über die Politik hinaus wieder einer Tätigkeit nachgehen, die auf die Schwächsten unserer Gesellschaft Rücksicht nimmt. Wie kamen Sie vor zwölf Jahren gerade zur Lebenshilfe?

Schmidt: Schon als Gesundheitsministerin stand ich immer im engen Kontakt mit der Lebenshilfe. Wir wissen bis heute, dass wir kein barrierefreies Gesundheitswesen haben, aber wir haben damals versucht, Schritt für Schritt die Bedingungen zu verändern, um auch Förderungen für Betreuung und viele andere Dinge zu schaffen. Und insofern habe ich eng mit der Lebenshilfe und anderen Organisationen zusammengearbeitet. Als der damalige Vorsitzende nicht mehr kandidierte, wurde ich dann gefragt. Ich habe gesagt, es kommt auf den Arbeitsaufwand an. Vier Vorstandssitzungen, wurde mir gesagt, und ja noch die geschäftsführenden Vorstandssitzungen. Ich entschied mich für die Lebenshilfe, weil mein Herz auch bei Kindern und Menschen mit Beeinträchtigungen war. Und ich kannte die Lebenshilfe auch vor Ort.

Hendrik: Sind es dann nur vier Sitzungen im Jahr geworden?

Schmidt: Nein, ein solches Ehrenamt ist natürlich ein Fulltime-Job. Aber das Gute war, dass ich in meiner Zeit im Deutschen Bundestag die Interessen der Menschen mit Behinderung immer in alle Politikbereiche einbringen konnte. (…). Ich mache das gerne, und es hat mich in meiner politischen Arbeit immer geerdet. Man kommt mit dem wirklichen Leben in Kontakt. Wir haben gerade eben [in der Veranstaltung] von Eltern gehört, die auf sehr viele Schwierigkeiten bei Rechtsansprüchen stoßen, die sie durchsetzen wollen. Und jetzt bin ich schon im 13. Jahr im Amt.

Hendrik: Wie kann man sich Ihre Arbeit eigentlich vorstellen? Ist es eher repräsentativ, wie hier auf der didacta, wo Sie viele Veranstaltungen besuchen oder auch geben, oder ist es organisatorisch und planerisch?

Schmidt: Eigentlich ist es beides, wobei das wirklich Organisatorische und Planerische die Bundesgeschäftsstelle übernimmt. Ich könnte mein Ehrenamt nicht ausüben, wenn ich nicht den professionellen Hintergrund hätte. Ich könnte nicht mal die Termine koordinieren. Als Bundesverband sind wir überall anerkannt, auch in der Fachkompetenz, und werden zu Gesetzen und vielen anderen Entscheidungen angehört. Da müssen natürlich Vorlagen entwickelt werden, aber die konzipieren wir auch zusammen, genehmigt vom Vorstand, basierend auf Grundlagen, auf die sich der Verband geeinigt hat. Es sind auch repräsentative Aufgaben, weil ich natürlich auf vielen Veranstaltungen dafür werbe, dass Inklusion zum grundlegenden Lebensmodell hier bei uns in Deutschland wird. Und Verbände und Ortsvereinigungen laden mich auch immer gerne zu Veranstaltungen ein. Es wird nicht langweilig, sagen wir mal so.

Ulla Schmidt am Mikrofon im Interview mit Hendrik Heim auf der didacta Bildungsmesse 2024
Mein Gespräch mit Ulla Schmidt auf der didacta 2024

Hendrik: Welche Rolle spielt die Lebenshilfe im Bereich Kinder- und Jugendhilfe sowie auch in der Schulbegleitung?

Schmidt: Die Lebenshilfe bietet selbst Schulbegleitung an. Zumindest in Nordrhein-Westfalen ist es leider so geregelt, dass die verschiedenen Organisationen auch die Schulbegleiter einstellen, geordnet je nach Behinderungsart, wir sind da immer noch sehr spartenorientiert. Ich würde mir wünschen, dass die Lebenshilfe oder andere Organisationen in der fachlichen Ausbildung zwar eine Rolle spielen, wir Schulbegleitung aber in der gesamten Klasse anbieten können und nicht nur für ein Kind zuständig sind. Es gibt Kommunen, die dafür sorgen, dass Schulbegleitung anständig bezahlt wird. Aber es ist nicht überall der Fall, dass Schulbegleiterinnen und -begleiter ganzjährig bezahlt werden und nicht nur, wenn das Kind in die Schule geht. Es gibt ein breites Spektrum an nicht fördernden Dingen, und da müssen wir weiterkommen.

Hendrik: Wo wir gerade bei den Dingen sind, die noch nicht laufen: Was würden Sie gerade im Bereich Inklusion an Schule verändern, wenn Sie es mal ganz frei machen könnten, ohne Einschränkungen, und es einfach mal durchsetzen könnten?

Schmidt: Man kann da von vier Punkten sprechen. Es braucht eine bundeseinheitliche Planung dahingehend, wie eigentlich unser Schulsystem umgestaltet werden soll , damit es dem Rechtsanspruch der Behindertenrechtskonvention genügt, die besagt, dass jedes Kind auch mit Beeinträchtigung das Recht hat, auf eine allgemeinbildende Schule zu gehen. Der Staat ist verpflichtet dafür zu sorgen, dass das in allen Klassenstufen funktioniert. Und das geht meiner Meinung nach nur mit einer bundesweiten Strategie. Die Kultusministerkonferenz geht heute davon aus, dass es bis 2030 wieder mehr Beschulung in Förderschulen gibt. Als Zweites sollte sich der Staat verpflichten, die finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Dafür zu sorgen, dass die Bildungsorte barrierefrei sind. Nicht nur Rollstuhlrampen, sondern auch barrierefreie Angebote für blinde Menschen oder für Gehörlose. Warum wird nicht beispielsweise in allen Schulen Gebärdensprache angeboten? Das Dritte ist, dass Lehrerausbildung umgestellt wird. Sonderpädagogische Kompetenzen müssen die Grundlage eines jeden pädagogischen Studiums sein. Erst darauf kommt dann die fachliche Kompetenz. Und als Viertes brauchen wir eine wirkliche Kampagne, die anerkennt, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, keine zusätzliche Belastung. Es hat mich erschreckt, dass in einer Umfrage herausgekommen ist, dem großen Teil der Lehrerschaft sei nicht bewusst, dass es sich hier um eine Menschenrechtsfrage handelt. Dafür muss man werben. Die Mehrheit der Menschen wollen Menschenrechte umsetzen.

Hendrik: Das sind ja einige Themen, die Sie umsetzen wollen und für die Sie ja auch arbeiten. Vielleicht ist es ja eine Entlastung, dass Sie aus der Tagespolitik mittlerweile draußen sind und trotzdem die Frage: sehen Sie das Bundesgesundheitsministeramt als ein sehr undankbares Amt an, gerade zu Corona-Zeiten? Sie haben das ja auch sicherlich verfolgt, ihre Nachfolger, die zu kämpfen hatten.

Schmidt: Als Gesundheitsminister oder -ministerin ist man jeden Morgen neu vor Herausforderungen gestellt. Das geht nicht nur uns (in Deutschland) so. Ich habe auch mit vielen Kollegen auf der internationalen und europäischen Ebene zusammengearbeitet. Manchmal war es in anderen Ländern noch viel schlimmer als bei uns. Das war schon herausfordernd. Aber ich habe das trotzdem gerne gemacht, weil man so viel bewegen kann und weil es auch eine sehr vielfältige Arbeit ist. Sie haben die lauten Verbände, sie haben aber daneben auch eine unheimliche Kompetenz. Sie haben eine hohe Innovationskraft im Gesundheitssystem. Ich kenne kaum ein anderes System, das so innovativ ist wie das Gesundheitssystem. Sie haben unheimlich viele Menschen, die ganz engagiert da sind, um andere da zu unterstützen, wo sie es brauchen. Aber natürlich ist da auch der Ärger, das ewige Auspfeifen, die Beschimpfungen bis hin zu Todeswünschen. Wir hatten damals die Herausforderungen mit der Vogelkrippe, dann gab es Herausforderungen mit Sars (, Epidemie in 2002/3), und dann waren die schwarzen Bomben unterwegs. Dann wurde befürchtet, Pocken-Viren seien im Umlauf, die absolut tödlich sind. Corona war nun auch eine besondere Situation. Das Gesundheitsministeramt ist ein Amt, wo Sie im Nachhinein denken, dass Sie vieles erreicht haben und vieles haben auf den Weg bringen können. Nicht immer alles, aber das ist in einer Demokratie so: man muss Mehrheiten haben und Kompromisse machen, sonst kann man nichts entscheiden.

Hendrik: Denken Sie schon an die Bundestagswahl 2025 und hoffen Sie persönlich auf eine weitere Ampelkoalition, fernab der Parteipolitik?

Schmidt: Naja, wenn man das aktuell sieht, hofft man nicht darauf *lacht*. Vielleicht auf andere Konstellationen. Ich finde manches sehr schwierig, aber ich muss auch sagen – ich bin jetzt so alt wie die Bundesrepublik – keine Politikergeneration hat nach der Gründung der Bundesrepublik vor so vielen neuen Herausforderungen gestanden, die ja global sind, die uns betreffen, obwohl alle gedacht haben, damit werden wir nicht mehr konfrontiert. Die Ampel hat auch viel geschafft. Im letzten Jahr hat trotz des Fehlens von Erdgas niemand gefroren. Wir haben der Ukraine helfen können, über eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine gut einbinden können und als zweitgrößter Unterstützer der Ukraine unheimlich viel in Deutschland geleistet, eine Aufgabe, die die Ampel gemeistert hat. Ich glaube, man muss da mit mehr Ruhe draufschauen und das auch ein bisschen weniger emotional und aus dem Bauch heraus beurteilen.

Hendrik: Vielleicht wird die Ampel historisch auch noch anders beurteilt werden, wer weiß. Jetzt nochmal auf die didacta bezogen – was haben Sie hier 2024 erlebt?

Schmidt: Ich konnte meine früheren Kolleginnen aus dem Sonderschulbereich hier treffen. Wir hatten eben eine Diskussion über das Thema “Anspruch und Wirklichkeit”, mit verschiedene Positionen, aus der Sicht eines Kultusministeriums, aus der Sicht der Lehrkräfteausbildung, einer Schulleitung und von mir. Es ging um eine Analyse, woran vieles scheitert und warum wir nicht weiter sind, in einem Land, in dem das möglich wäre. Eigentlich ist es beschämend wie wenig wir in der schulischen Inklusion erreicht haben. Wir haben viele tolle Schulen mit Angeboten, aber nicht überall und auch nicht für jeden und jede zugänglich. Die zweite interessante Veranstaltung heute war die Inklusionssprechstunde, bei der wir waren. Da konnten Fragen gestellt werden, und es wurde nochmal deutlich, wie viele Schwierigkeiten Eltern heute noch haben, ihre Rechtsansprüche durchzusetzen. Das geschriebene Recht ist das eine, ich sage immer, das gelebte Recht ist relevant. Und dort gibt es oft Diskrepanzen. Und ansonsten habe ich Interviews geführt, mit Ihnen und mit anderen Leuten. Und dann muss ich auch wieder weiter *lacht*.

Hendrik: Als letzte Frage, die ich allen Gesprächspartner*innen auf der Messe stellen möchte, also auch Ihnen, nun diese: was ist Ihr Traum vom Bildungssystem im Jahr 2050?

Schmidt: Ein Bildungssystem, das in der Lage ist, im Regelschulsystem jedem Einzelnen die individuelle Unterstützung zu geben. Um das Leben bewältigen, den rechten Platz finden, seine Fähigkeiten erkennen und die Chancen wahrnehmen zu können, die es bis dahin geben wird.


Fotos:

-Beitragsbild: SPD Fraktion/ Foto: Benno Kraehahn

-Bild 2: privates Bild, im Zuge der Interviewaufnahmen mit Frau Schmidt entstanden

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Sind Noten noch zukunftsfähig?


Seit Jahrhunderten gibt es Noten und für viele gehören sie fest zur Schule dazu. Doch Studien zeigen, dass Noten großen psychischen Druck auslösen können. Spielt diese Art von Bewertung in der Zukunft noch eine Rolle, oder kann es auch anders gehen?

Schülerinnen und Schüler sind psychisch immer gestresster. Das ergaben gleich mehrere deutsche Studien in den letzten Jahren. Eine Forsa-Studie attestierte 2018 bereits 30 Prozent der Schüler:innen ernsthaften Leistungsdruck – und das vor der Corona-Pandemie. Die neusten PISA-Ergebnisse beziffern die Zahl der Jugendlichen, die „ängstlich“ oder „bedrückt“ im Unterricht sind, auf 14,8 beziehungsweise 16,8 Prozent. Den größten Stress verursacht dabei das eigene Verlangen der Schüler:innen, bessere Noten zu bekommen. Alina, eine Schülerin der Internatsschule Schloss Hansenberg in Geisenheim meint dazu: „Die Benotung meiner Leistung führt dazu, dass ich das Gefühl habe, ich werde als ganze Person darauf reduziert. Deshalb mache ich mir einen riesigen Druck, um ansatzweise stolz auf mich sein zu können.“

Wie also lässt sich der psychische Druck bei Noten mit ihrem eigentlichen Zweck in Verbindung bringen?

Funktion von Schulnoten

Im europäischen Raum gibt es Noten schon seit 450 Jahren. Die ersten Notensysteme wurden dabei in Klöstern entwickelt. Sie führten strenge Zensurensysteme (censura = Kritik, Rüge) in den Klosterschulen ein, vor allem zur Disziplin. Auch in unserer Zeit sollen Noten bestimmte Zwecke erfüllen. Damals wie heute sollen sie zur Motivation dienen. Schüler:innen sollen dazu gebracht werden, dem Unterricht intensiv zu folgen und sich zu benehmen. Außerdem helfen Noten den Eltern dabei, den Lernerfolg ihrer Kinder zu überprüfen. Lehrkräfte können mithilfe von Noten erkennen, wie gut der Lernstoff vermittelt wurde.
Den meisten Stress löst wahrscheinlich die Selektion durch Schulnoten aus. Sie entscheiden darüber, wer auf das Gymnasium geht oder welche Schüler:innen die Real- oder Gesamtschulen besuchen. Eine Frage, die für das weitere Leben sehr entscheidend sein kann. Spätestens bei der Wahl des Studienplatzes spielen Noten eine determinierende Rolle.

Ein Schulweg ohne Noten

Blickt man heute auf alternative Schulformen, findet man durchaus Beispiele, die zeigen, dass es ohne Noten gehen kann. In Deutschland ist die Waldorfschule die bekannteste Schulform. Noten für alle gibt es hier erst in den Abschlussklassen, ein verpflichtendes Sitzenbleiben ist nicht möglich. Trotzdem funktioniert der Unterricht. Auf der Website des Bunds Freier Walldorfschulen heißt es: „Eigeninitiative entwickeln die Kinder und Jugendlichen nicht aufgrund von äußerem Leistungsdruck, sondern aus lebendigem Interesse und persönlicher Begeisterung.“ Dies gelingt durch Fächer, die mehr mit der Lebensrealität der Schüler:innen zu tun haben. Wer beim gemeinsamen Kochen die sieben Getreidearten kennenlernt und danach selbstgebackenes Brot verzehrt, lernt mehr als durch jedes Arbeitsblatt. Theaterprojekte schulen den sprachlichen Ausdruck der Lernenden. Und durch zwei Fremdsprachen ab Klasse 1 gelingt eine spielerische Sprachförderung. Die Bewertung erfolgt durch individuell abgestimmte Beurteilungsbögen und direkte Gespräche.
Aber wird man ohne Noten denn wirklich auf das Berufsleben vorbereitet, dass ja schließlich geprägt von Kontrolle, Ordnung und Verpflichtungen ist? Nun, zumindest spricht nicht viel dagegen, denn in Waldorfschulen werden viel mehr soziale Kompetenzen gelehrt, die ebenso wichtig für das spätere Leben sind, und Fundament jedes guten Arbeitsverhältnisses.
Andere Länder kennen derweil gar keine Noten. Beispielsweise Finnland, dessen Schüler:innen bei internationalen Vergleichen zu den gebildetsten gehören.

Noten sind nicht objektiv

Das wissenschaftliche Ergebnis zur Notwendigkeit von Noten ist derweil: es gibt keine. Der Pädagoge Hans Brügelmann fand 2006 mit seinem Team heraus, dass Zensuren weder objektiv noch personenunabhängig sind. Ferner spielt bei der Notengebung die Herkunft der Schüler:innen immer noch eine große Rolle. Diese starten schon mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schulzeit. Dass eine ganz unabhängige Leistungsmessung unerreichbar ist, stellten Wissenschaftler:innen in einer 2012 herausgegebenen Studie der Vodafone-Stiftung zu sozialen Ungleichheiten in der Schule fest.
Oftmals lohnt es sich im Leben, das gerade Gültige kritisch zu hinterfragen und nach neuen, besseren Lösungen zu suchen. So auch bei der Notenthematik. Denn Schulnoten sind nicht objektiv, sie sind stets objektifiziert. Sie versuchen, individuelle Leistungen in ein festes Raster zu packen, das Druck auslöst und oftmals demotiviert. Doch schlussendlich lernt man nicht für Noten, man lernt fürs Leben.

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Interview mit Hendrik Heim vom Bildungsblog SensEDU

Hendrik Heim, ein Schüler betreibt seit 2023 den Bildungsblog SensEDU: https://sensedu.blog Wir verfolgen ganz ähnliche Ziele. Und deshalb fanden wir es spannend, uns gegenseitig zu interviewen. Und nach dem Interview mit Hendrik bin ich erst recht dieser Meinung. Aber lest selbst.

Interview mit Hendrik Heim vom Bildungsblog SensEDU weiterlesen
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Die PISA-Studie 2022 – Erklärung, Ergebnisse, Reaktionen

Wer sich ein wenig für Bildungspolitik interessiert, oder in letzter Zeit einfach die Nachrichten verfolgt hat, wird an einem Thema nicht vorbeigekommen sein – die PISA-Studie 2022.

In diesem Post werde ich mal eine kleine Zusammenfassung geben dazu, was es damit auf sich hat, und kurz und knapp beleuchten, warum die Ergebnisse eigentlich so verheerend sind. Alles, was ihr wissen müsst in diesem Artikel!

Die PISA-Studie – was ist das eigentlich?

Die „PISA-Studie“ ist eine Studie, die in der Regel alle drei Jahre von der OECD veröffentlicht wird, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort sind sehr viele westliche Länder Mitglied, insgesamt 38 Staaten.

Vor allem westliche Staaten sind Mitglied in der OECD, wie in der Grafik zu sehen.
Bildquelle: Deutsche Welle

Die OECD beauftragt dann das PISA mit der Durchführung, das „Programme for International Student Assessment“. 1

Und wie funktioniert das?

Im Grunde funktioniert die PISA-Studie so: eine internationale Studienleitung wird von der OECD mit der Durchführung beauftragt. Diese erstellt dann Online-Tests zu drei Bereichen: Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz. In den 88 teilnehmenden Staaten, also den OECD-Ländern und weiteren Partnerstaaten werden dann 15-jährige ausgelost, die die Tests durchführen. Dabei ist das Ziel, dass die Schüler*innen am Ende der Schullaufbahn geprüft werden sollen, zumindest theoretisch. In Deutschland nehmen 9. Klassen teil. Wer ausgelost wird, ist zur Teilnahme verpflichtet.2

 Ganz wichtig ist also! Wenn von einem PISA-Schock die Rede ist,   bezieht sich das immer nur auf die oben genannten drei Testbereiche. Was soziale, kreative oder praktisch-handwerkliche Kompetenzen angeht, wird von der Studie nicht erfasst oder gemessen!

Wie kommen die Ergebnisse zustande?

In der Bewertung der Aufgaben gibt es grundsätzlich eine Skala mit einem Mittelwert von 500 Punkten. Je nachdem, wie viele Punkte die teilnehmenden Schüler*innen erreichen, werden sie dann in „Kompetenzstufen“ eingeteilt, praktisch also in Noten, die zeigen, wie gut die Schüler*innen auf das echte Leben und die Gesellschaft da draußen vorbereitet sind. Die Kompetenzstufen gehen von I (römisch 1) bis VI (römisch sechs). Sogenannte leistungsschwache Schüler*innen liegen unter der Stufe II, leistungsstarke Schülerinnen liegen auf Stufe V oder VI.

Wenn also gesagt wird „30 Prozent sind leistungsschwach“, dann sind das zumindest in Mathe die Teilnehmenden mit Kompetenzstufe I als Ergebnis.

Die Tests an sich bestehen dann aus Fragen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, freien Antworttexten, oder auch Schiebemenüs. Gezeichnet werden muss also beispielsweise nicht.

Mathe – so abgehängt wie noch nie

Mathematik ist ein wichtiger Bereich der Online-Tests im Rahmen der PISA-Studie
Bildquelle: George Becker (pexels.com)

Schauen wir jetzt mal auf den ersten Testbereich – Mathematik. Als erstes müssen wir betrachten, nach welchen Kriterien der Online-Test durchgeführt wurde.

Was bewertet wird

Für die PISA-Studie 2022 hat sich die Studienleitung neue Konzepte dahingehend überlegt, wie sie die Kompetenzen in Mathe messen will. Zusammengefasst: die mathematischen Aufgaben sollen alltags- und realitätsnah sein, Schule also auf das berufliche Leben vorbereiten. Die OECD beschreibt Mathematik-Kompetenz als…

„…die Fähigkeit einer Person zum mathematischen
Argumentieren
 sowie Mathematik in einer Vielzahl von Alltagskontexten einzusetzen, in denen Problemstellungen mathematisch formuliertbearbeitet und interpretiert werden. (…) Mathematikkompetenz hilft Personen zu erkennen, welche Rolle Mathematik in der Welt spielt, um fundierte Urteile abzugeben sowie gut begründete Entscheidungen zu treffen, so wie sie von konstruktiven, engagierten und reflektierten Bürgerinnen und Bürgern des 21. Jahrhunderts benötigt werden„-OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), 20233

Besonders wichtig ist im Test also die Kompetenz des Mathematischen Argumentierens, so wie oben genannt. Dafür braucht man dann mathematische Kompetenzen (Größen, Zahlensysteme, Abstraktion, Modellieren, Statistik, etc.). All jenes wird im Test abgefragt, so erkennt man, ob im deutschen Schulsystem diese Kompetenzen auch wirksam vermittelt werden.

Was dabei herausgekommen ist

Blickt man auf die deutschen Ergebnisse der Pisa-Studie 2022, muss man feststellen, dass immer weniger Schüler*innen hierzulande diese so wichtigen Fertigkeiten haben. Was uns zu den brisantesten Daten und Fakten bringt:

  • Im Gesamtwert erreichte Deutschland Platz 21 im „Länderranking“, und liegt damit ganz leicht über dem internationalen Durchschnitt.
  • 30% aller Schüler*innen werden als leistungsschwach eingestuft.3 von 10 Schüler*innen könnten also Schwierigkeiten haben, tatsächlich nach der Schule in Beruf und Gesellschaft anzukommen und mit ihren mathematischen Kompetenzen mitzuhalten. Das sind fast eineinhalb mal so viele Schüler*innen wie in der Studie 2018. Nur 8,6% gelten als leistungsstark.
  • Beim Vergleich von Gymnasiast*innen und Nichtgymnasiast*innen liegen die ersteren zirka zwei Kompetenzstufen über der zweiten Gruppe.

Wie kommt der Matheunterricht an?

Das Besondere an der in diesem Jahr herausgekommenen Studie ist, dass nicht nur die Leistungen in Mathe abgefragt wurden, sondern auch die Motivation der Lernenden in dem Fach, die Emotionen, die sie im Unterricht verspüren und die Verhaltensweisen, die sie nach eigenen Aussagen an den Tag legen. Und da sind sehr interessante Ergebnisse herausgekommen:

  • Ein Drittel der befragten Jungen gibt an, Angst davor zu haben, in Mathematik zu versagen. Bei den Mädchen sind es sogar über 52 Prozent.
  • Dagegen sind insgesamt nur 30,4% im Unterricht motiviert dabei, ca. 40% langweilt sich sogar.
  • Angespannt bei den Mathehausaufgaben sind ganze 24,5% der Jungen und 34,6% der Mädchen.

Trotz der negativen Emotionen beim Matheunterricht und der geringen Motivation darf aber eines auf keinen Fall übersehen werden – den Drang der Schüler*innen, neues zu lernen. Denn ganze 91% wollen in Mathematik gute Leistungen erbringen. Und trotzdem ist der Glaube daran, dass dies möglich ist, immer geringer geworden. Die Mehrheit der Befragten gibt an, dass sie mathematische Kompetenz als schwerer veränderbar empfindet als Intelligenz. Somit mangelt es in Deutschland eindeutig an den richtigen Lernmethoden Denn wo jetzt noch Angst vor schlechten Noten herrscht und sich Resignation breit macht müsste eigentlich eine Motivation da sein, die aber eben nur von einer guten Lernatmosphäre, dem Mitnehmen auch der breiten Masse und dem Wegkommen von auswendig zu Lernendem erzeugt werden kann. Das alte Lied von der Bildungswende – in diesen Zahlen eindeutig begründet.

NaWi? Ging schon mal besser

Naturwissenschaftliche Kenntnisse sind essentiell für ein Zurechtkommen in unserer modernen Gesellschaft.
Bildquelle: Pixabay (pexels.com)

Klar ist – Kenntnisse in den Naturwissenschaften sind extrem wichtig. Zu wissen und zu erkennen, wie unser Planet und das Leben auf der Erde funktioniert, ist ein Grundbaustein dessen, was Schüler*innen nach der Schule an Kompetenzen ins spätere Leben mitbringen sollten. Deswegen machen Naturwissenschaften den zweiten großen Bereich der PISA-Tests aus.

Was bewertet wird

In der folgenden Grafik sieht man die Kompetenzen, die im Test abgefragt werden sollen. Zusammengefasst sollen die Schüler*innen also die Welt um sie herum verstehen, indem sie Alltagssituationen im Alltag, die für sie persönlich, aber auch national und global bedeutend sind erklären, untersuchen, und die herausgefundenen Daten analysieren.

Hier sehen wir die Kompetenzen, die das PISA bei der Testung der naturwissenschaftlichen Kompetenzen abfragt.
Bildquelle: „PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“

Was dabei herausgekommen ist

In Deutschland gibt es, was diese Kompetenzen angeht, leider nur mittelmäßige Testergebnisse:

  • Deutschland nimmt im „Länderranking“ Platz 18 ein, und liegt damit nur unwesentlich über dem internationalen Durchschnitt. Es ist das schlechteste Ergebnis überhaupt für das Land.
  • Etwa 23% der Schüler*innen sind leistungsschwach, was Naturwissenschaften angeht. Weniger als 10% können als leistungsstark eingestuft werden.
  • Schüler*innen am Gymnasium sind im Schnitt 1,5 Kompetenzstufen über denen an nichtgymnasialen Schulen.

Zwar sind die naturwissenschaftlichen Ergebnisse nicht so verheerend wie die im Bereich Mathematik, und die Kompetenzen der deutschen Schüler*innen können noch als „anschlussfähig“ im internationalen Vergleich betrachtet werden. Trotzdem fehlen der breiten Masse wichtige Kompetenzen, es muss sich also auch hier dringend etwas am Bildungssystem ändern.

Wie gut können wir lesen?

Die Lesekompetenz ist sehr wichtig - gerade für Jugendliche.
Bildquelle: Pixabay (pexels.com)

Im dritten Testbereich der PISA-Studie geht es um die Lesekompetenz der 15-Jährigen. Nur wer lesen kann, kann wirklich in einer Gesellschaft teilhaben. Und angesichts der neuen Gefahren von Social Media sehen wir, dass ein richtiges Analysieren und Entlarven von Falschinformationen immer wichtiger wird.

Was bewertet wird

Wie in den beiden anderen Bereichen auch, mussten die Schüler*innen in diesem Test Fragen beantworten, hier aber zum Inhalt, zur Art oder zum Wahrheitsgehalt von Texten, die ihnen gegeben wurden. Sie mussten also analysieren, welche Bestandteile der Text hatte, und welche Absichten hinter seinem Verfassen steckt.

Was dabei herausgekommen ist

  • Die Lesekompetenz der deutschen Jugendlichen ist in den letzten Jahrzehnten immer schlechter geworden und erreicht in der jüngsten Studie ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt. International landen wir hier auf Platz 22.
  • Immer mehr Lernende sind „leseschwach“, mittlerweile über 25%, gleichzeitig verfügen auch immer weniger Schüler*innen über eine sehr gute Lesekompetenz (8,2%)

Generell lassen sich diese Werte damit erklären, dass wir in Deutschland in den letzten Jahren viele Zuströme von Geflüchteten aus arabischen oder afrikanischen Ländern hatten. Für diese Jugendliche ist es sehr schwer, gut Deutsch zu lernen. Die Ergebnisse, zusammen mit dieser einen Erklärung dazu, zeigen auf, wie wichtig die Förderung von Lesekompetenz schon von der Grundschule an ist.

Reaktionen auf die PISA-Ergebnisse 2022 für Deutschland

Selten ist es der Fall, dass Bildungspolitik wirklich Schlagzeilen macht. Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie ist aber genau dies gelungen. Reaktionen darauf möchte ich nun in diesem letzten Kapitel des Posts zeigen.

Bildungswissenschaft

Wer ganz genau wissen will, wie es um die PISA-Ergebnisse steht, muss eigentlich nicht viel mehr tun als 332 Seiten zu lesen. So lang ist nämlich die „PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“, herausgegeben vom Waxmannverlag. Und dort analysieren namhafte Bildungswissenschaftler*innen in jedem Kapitel die Ergebnisse:

S.83 „Die Ergebnisse von PISA 2022 sollten – ähnlich wie die der ersten PISA-Studie 2000 – zu einer intensiven Diskussion auf Ebene des Bildungssystems führen. (…) Der Blick in einige Nachbarstaaten sollte dabei hilfreich sein.

S.135 Bildung eröffnet Lebenschancen, sie ist der vielversprechendste Weg zu einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe. Entsprechend gilt es, ausreichend Bildungsangebote bereitzustellen und ihre Nutzung sicherzustellen. Forschungsergebnisse haben hier wiederholt aufgezeigt, dass sowohl motivationale Faktoren (…) als auch die Unterrichtsqualität (…) die naturwissenschaftliche Kompetenz von Schülerinnen fördern können.

S. 160 In einer erfolgreichen Bildungsgesellschaft muss (…) ein Klima für Hunger nach Bildung, nach Büchern, nach dem Lesen – gerade auch in digitalen Formen – entstehen. (Es) sollte das Buch, ebenso wie das (digitale) Lesen, als wertvollstes Grundbedürfnis geschützt, gepflegt, verbessert und entwickelt werden.„PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland“, Kapitel 4-6 (S.83, 135, 160)4

Schüler*innen

Neben vielen anderen Vereinen, Verbänden und Gewerkschaften hat sich auch die oberste Vertretung aller Schüler*innen, die Bundesschülerkonferenz zu Wort gemeldet, vertreten durch ihren Generalsekretär Florian Fabricius:

Am Ende des Tages ist es keine Frage davon, wie meine Generation, wie wir als Schüler abschneiden. Es ist am Ende eine systemische und strukturelle Frage, davon, dass Bildung vernachlässigt wurde und dass wir an allen Ecken und Enden merken, dass Bildung zu kurz kommt, bei Lehrkräftemangel, dem riesigen Investitionsstau oder mentaler Gesundheit. (…) Auch Lehrer leiden unter diesem System.Florian Fabricius, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz in Deutschlandfunk Kultur am 05.12.2023 5

Lehrkräfte

Und auch die Lehrkräfte meldeten sich gleich nach Herauskommen der Studie zu Wort. Für einen Verband sprach Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands:

 „Obwohl die Studie schulische Bildungsziele als Gesamtheit nicht ausreichend abbildet, bestätigt sie doch insgesamt leider negative Trends, die wir seit Jahren beobachten. (…)Es ist wichtig, dass die Politik den Fachunterricht wieder zur Priorität erklärt. Lehrkräfte müssen umgehend und nachhaltig von unterrichtsfernen Aufgaben entlastet werden – sie sind weder Hilfskräfte in der Verwaltung, Sozialarbeiter noch Reiseverkehrskaufleute. Sie sind Fachleute für die Vermittlung ihrer Fächer – die brauchen wir, wie die fachlichen Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler in PISA zeigen, heute mehr denn je. (…) Das Beherrschen der deutschen Sprache ist und bleibt die Grundlage unserer Kultur und damit das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wir dürfen es einfach nicht hinnehmen, dass sie von so vielen jungen Menschen in unserem Land nicht ausreichend beherrscht wird.“-Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing in einer Pressemitteilung vom 05.12.6


  1. https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/die-zehn-wichtigsten-ergebnisse-der-pisa-studie/ ↩︎
  2. PISA 2022 – Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland (alle folgenden Daten und Fakten ebenso mit dieser Quelle, Zitatquellen siehe unten) ↩︎
  3. siehe 2. ↩︎
  4. siehe 2. ↩︎
  5. https://www.deutschlandfunkkultur.de/pisa23-so-reagieren-die-schueler-dlf-kultur-3cfc7974-100.html ↩︎
  6. https://www.dphv.de/2023/12/05/aktuelle-pisa-ergebnisse-zeigen-fachunterricht-muss-wieder-prioritaet-erhalten/ ↩︎
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Das Französisch-Battle

Es ist Zeit, ein allseits diskutiertes Thema anzugehen: Die Notwendigkeit des Französischunterrichts. Deswegen kommt heute das große „Französisch-Battle“! Es treten an: mein Französischlehrer gegen David, seines Zeichens ernüchterter Französischschüler im fünften Lernjahr.

Beiden habe ich mal die Frage gestellt, wie sie grundsätzlich zum Französischunterricht an der Schule stehen, warum sie dafür oder dagegen sind und was für sie ein gutes Ausnutzen der Schulzeit bedeutet. Dabei herausgekommen sind zwei ganz unterschiedliche Ansichten.

Mein Französischlehrer findet, dass es im 21. Jahrhundert schlicht und ergreifend nötig sei, viele Sprachen zu sprechen:

Herr Rauschenbach: In der heutigen Welt reicht es nicht aus, nur eine einzige Fremdsprache zu beherrschen. Ein Schüler, der mehrere Sprachen lernt, erhöht seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt im In- und Ausland. Eine andere Sprache lernen bedeutet eine Bereicherung und eine Erweiterung des persönlichen und beruflichen Horizonts. Zudem ist Französisch zusammen mit Englisch die einzige Sprache, die auf allen fünf Kontinenten gesprochen wird – rund 300 Millionen Menschen auf diesen fünf Kontinenten sprechen Französisch. Es ist nach Englisch die Sprache, die am häufigsten gelernt wird, und belegt unter den am meisten gesprochenen Sprachen den sechsten Platz. Nach Englisch ist Französisch auch die Sprache, die weltweit am häufigsten unterrichtet wird, 61 Staaten und Regierungen sind frankophon, d. h. Französisch ist dort Mutter-, oder Verwaltungssprache.           

Diese geflügelten und zugleich wahren Worte dämpft David radikal mit seinen Aussagen. Wobei es eigentlich ganz gut anfing…

David: Seit der 7ten Klasse quäle ich mich schon mit Französisch. Mein größtes Problem mit dem Fach kommt vor Allem von den verschiedenen Lehrkräften, die ich im Laufe der Zeit hatte. Die ersten drei Jahre hatte ich noch Spaß an Französisch, da meine Lehrerin motiviert war und es auch schön den Schülern beigebracht hat. Zu dieser Zeit habe ich mich sogar auf den Französischunterricht gefreut.                                  

Irgendwann allerdings ging es für ihn mit dem Fach radikal bergab:

David: In den nächsten Jahren wurde der Unterricht immer schlimmer, ich hatte Lehrkräfte, welche die ganze Stunde an der Tafel standen, ohne auf Rückfragen zu reagieren, ohne, dass es irgendjemand verstanden hat. Daher habe ich eine immer stärkere Abneigung gegen Französisch entwickelt. Dazu kommt auch noch, dass ich die grundlegende Grammatik nie gelernt habe und jetzt dadurch auch keine Lust habe sie neu zu lernen.                             

Harte Worte. Zugegeben eher gegen einige Französischlehrkräfte, deren Kompetenzen ja immer individuell bewertet werden müssen. Trotzdem erlebe ich, dass es sehr vielen so geht wie David. Ich weiß, auch mein Französischlehrer würde das bestätigen. Grundsätzlich stuft dieser Französisch aber als einfach ein. Die französische Sprache verlange zwar eine gewisse Präzision, durch ihre Vielfalt lassen sich jedoch zahlreiche Nuancen zum Ausdruck bringen und bereits nach einigen Unterrichtsstunden können die Lernenden in Französisch kommunizieren.

Mich hat dieser Satz amüsiert, dehnt er den Begriff von Kommunikation doch sehr weit aus. Und gerade die Nuancen sind es doch, die schlechte Unterscheidbarkeit in der Aussprache von verschiedenen Worten, die die Sprache schwer machen.

Herr Rauschenbach: Insgesamt trägt das Erlernen von Französisch auch zu einem besseren Verständnis von Kultur und Geschichte unseres „Nachbarn“ bei, und macht auch hoffentlich Lust, französische Literatur zu lesen oder Filme im französichen Original zu schauen.        

Vielen in meinem Alter wird es genauso gehen, da bin ich mir sicher. Sich auch im Ausland auszudrücken ist ja nicht zuletzt einfach eine gewaltige Erfahrung, die einen auch neue Eindrücke machen lässt. Und trotzdem gibt es noch mehr Jugendliche, die weder sprachbegabt sind, noch Interesse an der Sprache haben. David meint dazu:

David: Da ich ein sehr technisch fokussierter Schüler bin, würde mich anstatt Französisch ein weiteres naturwissenschaftliches Fach interessieren. Als Beispiel würde mir Maschinenbau bzw. Elektrotechnik für mich als sinnvoller und auch ansprechender vorkommen.

Das Schlusswort dieses kleinen Diskurses gebührt dann meinem Französischlehrer:

Herr Rauschenbach: Französisch lernen bedeutet in erster Linie, eine schöne, vielfältige und melodische Sprache zu lernen, die auch häufig als Sprache der Liebe bezeichnet wird. Französisch ist außerdem eine analytische Sprache, mit der sich ein Gedankengang strukturieren und ein kritischer Geist entwickeln lässt, was besonders in Diskussionen und Verhandlungen von großem Nutzen ist.

Ich finde, man kann beide Ansichten zusammenbringen. Schlicht und ergreifend in einer größeren Wahlmöglichkeit an Fächern in der Schule. Bestimmt fällt das Sprachenlernen auch unter schwereren Bedingungen manchen Schüler*innen einfacher als David. Andererseits würden auch nicht alle in Maschinenbau klarkommen, einem Fachbereich, ohne den unser modernes Leben gar nicht funktionieren würde. Kommen wir also zu einer Lösung – einer Lösung, in der nicht die Pflicht scheinbar sinnvoller Lehrinhalte im Vordergrund steht, sondern praxisnaher und frei wählbarer Unterricht! Diejenige, die diese Fächer wählen, und das aus guten Gründen tun, müssen neben der Grammatik auch die Interaktion lernen, denn niemandem nützen Imparfait und Conditionnel présent, wenn es letztendlich nur Buchstaben auf Lernzetteln sind, und einem dann doch nicht weiterhilft, in der Pariser Innenstadt beim Bäcker.


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Interview: Wozu Philosophie?

Nichts ist so einprägsam wie ein durchdachtes Zitat! Ob berühmte Persönlichkeit oder der lustige Nachbar von nebenan ist unerheblich um dabei sein Ziel zu erreichen – andere Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Herr Brodkorb, mein Ethiklehrer, hat dabei ein Zitat von Montaigne aufgegriffen. Und genau darüber wollen wir heute sprechen!

“In unserer Schule sollen ein Zimmer, ein Garten, Tisch und Bett, die Einsamkeit, die Geselligkeit, der Morgen und der Abend, alle Stunden einerlei sein: jeder Ort ein Studierzimmer – denn die Philosophie, die als die Bildnerin des Urteils und der Sitten ihr Hauptfach ist, hat das Privileg, überall dabei zu sein.”

-Michel de Montaigne, Philosoph des 16. Jahrhunderts

Hendrik: Herr Brodkorb, herzlich willkommen zu diesem Interview.

Herr Brodkorb: Ja Hendrik, vielen Dank für die Einladung.

Hendrik: Sehr, sehr gerne. Danke, dass Sie da sind. Seit einigen Jahren arbeiten Sie nun schon an der Internatsschule Schloss Hansenberg und sind zurzeit auch mein Ethiklehrer. Auf unserer Schulhomepage hat jede Lehrkraft die Möglichkeit, sich selbst mit einem Bild
und einem Text vorzustellen. Sie taten das auch, mit einem interessanten Bildungszitat. Warum?

Herr Brodkorb: Ich gehe vielleicht erstmal auf die, auf die formale Seite ein, auf die Inhalte
kommen wir gleich noch: Einmal ist es eben Montaigne, der sehr sehr spannend ist. Ich mag seine Essays sehr und bin dann über dieses Zitat gestolpert. Inhaltlich spricht mich da natürlich der große Stellenwert der Philosophie an. Das ist mir natürlich wichtig – kommen wir sicherlich auch noch drauf. Und dann nehme ich so eine Tendenz war in der
Erziehungswissenschaft, die alle halbe Jahr die Dinge neu erfindet und sich überhaupt nicht um ihre eigene Geschichte kümmert. Und dass man jetzt ein Zitat findet, das 500 Jahre alt ist und vielleicht doch auch noch was zu sagen hat in den Bereichen Erziehungstheorie, Pädagogik oder Didaktik oder so, das finde ich schon sehr spannend.

Hendrik: Und gerade das sagt ja auch etwas über die Person Tobias Brodkorb aus. Begreifen Sie sich als Lehrer eher als Stoffvermittler oder bedeutet für Sie der Unterricht dann doch mehr, als einfach nur den Stoff herunterzubeten?

Herr Brodkorb: Die Person Tobias Brodkorb (lacht). Ja, das ist eine ganz, ganz große Frage. Es gibt eine etwas gemeine Fangfrage unter den Pädagogen: „Unterrichtest du Schüler, oder unterrichtest du ein Fach?“ Das möchte natürlich eigentlich sagen – das Fach wird vom Fachidioten unterrichtet und der Schüler wird vom Lehrer unterrichtet. Ich habe natürlich hier das große Privileg, mit ganz tollen Menschen über ganz tolle Themen sprechen zu dürfen. Das heißt, letztlich sind wahrscheinlich Fach und Schüler irgendwie zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich gehe wahrscheinlich stark vom Stoff aus, von dem was der Stoff hergibt. Und dann aber natürlich immer mit der Frage: Was ist interessant, was ist relevant? Wie kann man den Stoff, wie kann man die Inhalte relevant machen? Was könnte euch daran interessieren? Ich weiß nicht, ob es klappt, aber das ist jedenfalls eine Motivation.

Hendrik: In einem Textabsatz unter dem Zitat auf der Schulhomepage erklären Sie dann das Zitat und übertragen es anschaulich auf die Gegenwart. Vor 500 Jahren ist es entstanden und ist dabei immer noch aktuell. Dabei ist für Montaigne alles Schule und Schule ist das Leben. Ist das nicht ein bisschen deprimierend, wenn Schule das ganze Leben ist? Gibt es nicht mehr im Leben als Schule? Und wie darf man eben diesen Begriff „Schule“ in dem Fall verstehen?

Herr Brodkorb: Vielleicht muss der Begriff Schule auch viel positiver verstanden werden. Und eben gar nicht deprimierend, sondern: „Wow! Wir dürfen die ganze Zeit lernen, immerzu und überall: In der Studierstube, aber eben auch in der Geselligkeit und auch in der Einsamkeit. Und bei Montaigne ja auch im Bett. Wir sollten den Begriff Schule positiv besetzen, weniger als die Zwangseinrichtung, die wir alle wegen der Schulpflicht halt besuchen müssen. Vielleicht besinnen wir uns eher auf das Griechische: da heißt „Schola“ tatsächlich „die Ruhe“ oder „die Muße“, das Vergnügen, sich mit den Dingen beschäftigen zu dürfen, die einen interessieren. Und natürlich auch die ganze Zeit Neues lernen zu dürfen. Das ist jetzt durchaus ein bisschen im Kontrast zum „lebenslänglichen Lernen“, das durch die Bildungstheorie geht. Da sind die „Gesellenjahre keine Herrenjahre“. Das könnte ja auch bedeuten, man ist halt sein Leben lang bloß Schüler und kann noch gar nichts. Aber ich würde es auch hier wieder positiv deuten: Wir dürfen und können die ganze Zeit lernen. Und das Wichtigste was wir lernen, lernen wir vielleicht sogar außerhalb des Klassenraums.

Hendrik: Denken Sie denn, dass das Lernen an Schule richtig praktiziert wird? Fallen Ihnen Verbesserungsvorschläge ein, wie man Schule motivierender machen könnte, positiver gestalten könnte?

Herr Brodkorb: Also die Institution Schule gibt ja irgendwie einen sehr strengen Rahmen vor und sie ist auch nicht unbedingt und immer positiv besetzt. Das ist natürlich eine Hypothek, die die Schule schon von vornherein als Institution mitträgt, was unter Umständen den Effekt haben kann, dass man beispielsweise – auf den Deutschunterricht bezogen – ganz tolle Lektüren lesen darf. Aber sobald sie Lektüren im Deutschunterricht werden, werden Sie natürlich ganz fürchterlich. Und das ist schon tragisch. Da müsste man schon was dran machen.

Hendrik: Am Image von Schule?

Herr Brodkorb: Ja, sicherlich irgendwie am Image von Schule. Umgekehrt wäre ja die Frage, vielleicht sogar an euch Schüler*innen: Wie kann man Schule so gestalten, dass das geht? Ich würde ja wie gesagt, wenn man jetzt vom Stoff – vom Faust – ausgeht, doch irgendwie finden, dass das ein geiles Buch ist. Aber wie vermittelt man, dass das ein geiles Buch ist und wie kriegt man vielleicht auch irgendwie andere tolle Inhalte noch mehr in die Schule Die man dann auch irgendwie so übersetzen muss, dass ihr auch merkt, dass es toll ist.

Hendrik: Wer entscheidet eigentlich, dass wir im Unterricht Faust lesen?

Herr Brodkorb: Also es gibt da schon, von Fach zu Fach unterschiedlich, relativ strenge Vorgaben, relativ strenge Lehrpläne, Fachcurricula, wie die mittlerweile sehr vornehm heißen. Ich würde ja im Zweifelsfall immer sagen, dass man mit solchen Plänen eher frei umgehen sollte und das irgendwie auch kann. Aber andererseits, wenn man die Pläne hat
und wenn da in dem Kanon irgendwas steht, gilt es eben wirklich zu gucken, warum es interessant ist und was man davon haben kann. Was könnt ihr davon haben? Warum sollte man das lesen? Wie sollte man das lesen? Wobei ich dann auch die Erfahrung gemacht habe, grade am gestrigen Studientag oder so, dass man solche Lektüren auch einfach nur lesen kann. Also wir haben da gestern gesessen und das Satz für Satz gelesen, daswar jetzt nicht der didaktische Supergau, einfach nur gesessen und Satz für Satz gelesen und darüber geredet, was die Leute spannend fanden. Wobei, vielleicht lag das auch an Montaigne, das haben wir nämlich unter anderem auch gelesen (lacht).

Hendrik: Sehr gut! Zur Erklärung: An unserer Schule hatten wir gestern einen Studientag, an dem nicht normaler Unterricht war, sondern Projekte zu allen möglichen Themen. biologische Experimente, Sport, oder eben auch das philosophische Denken, um einfach mal aus dem normalen Unterricht auszubrechen und sich mit dem zu beschäftigen, was einen vielleicht auch ganz persönlich interessiert. Abseits der Curricula. Und da sind wir vielleicht auch wieder bei dem Thema Philosophie. Philosophie als Hauptfach in der heutigen Zeit. Übersetzt hieße das ja: mindestens drei Stunden pro Woche Unterricht, fest im Lehrplan verankert, vielleicht auch durchgehend ab Klasse fünf bis zum Abschluss. Das ist ja ein hoher Stellenwert, den momentan auch nur Mathe und Englisch und Deutsch haben. Würden Sie Philosophie diesen Stellenwert zugestehen als Philosophielehrer, denken Sie, das wäre notwendig? Oder ist „Hauptfach“ im Zitat wieder anders gemeint?

Herr Brodkorb: Wenn man von der Institution erstmal ausgeht und von dem Schulfach Philosophie im Sinne eines Hauptfachs, dann haben wir ja am Hansenberg schon das Privileg, beinahe ein Hauptfach zu haben mit einem 2 bis 3 stündigen Philosophieunterricht, zusätzlich dazu einem zweistündigen Ethik- oder Religionsunterricht, der sich ja auch mit entsprechenden Themen beschäftigt und wo die Verwandtschaft ja auch eine ganz klare ist. Oft werde ich gefragt „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Philosophie und Ethik?“, und ich weiß es dann auch nicht so genau, weil die Ethik natürlich eine Teildisziplin der Philosophie ist. Da sind wir schon relativ privilegiert. Das muss man jetzt nicht so weiter sagen, aber das ist natürlich schon sehr schön, dass Philosophie und Ethik und Religion auf jeden Fall einen starken Stellenwert – auch institutionell – am Hansenberg haben. Andersherum kann man was, was du jetzt auch angedeutet hast, Philosophie natürlich auch wieder weiter fassen, so wie wir vorhin Schule weiter gefasst haben. Durch was wird Mathe und Deutsch und Englisch und Bio, wodurch wird das denn interessant? Durch die philosophischen Fragestellungen, die dahinter stehen und die wir dann aber nur durch das Fachwissen beantworten können. Natürlich können wir uns auf biologische Art und Weise beispielsweise mit den biologischen Grundlagen der Reproduktionsmedizin beschäftigen
oder mit medizinischen Verfahren. Aber dahinter steckt doch auch immer das medizinmoralische oder medizinethische Phänomen, die Fragestellung: „Wie viel Philosophie ist im Faust?“, um wieder auf ihn zurückzukommen und auf den Deutschunterricht. Und auch dieser Deutschunterricht oder der Lateinunterricht, all dies berücksichtigt die Philosophie. Da wird dann die Stoa gelesen. Und das dann auch noch im Original, wofür ich die Lateiner ja unendlich bewundere. Aber Philosophie als Fach und Philosophie als Fragestellung kommt in jedem Fach vor.

Hendrik: Das heißt man braucht gar keinen Philosophieunterricht, um zu philosophieren? Wenn man genau das sowieso im Alltag immer macht?

Herr Brodkorb: Ich glaube man sollte nicht unterschätzen, dass die Philosophie im Alltag
immer mitspielen darf. Wir haben ja im Unterricht Aristoteles gelesen, der sagt: „Die beste
Lebensform ist die der Philosophen. Dann gibt es immer gerne den Einwand, die Philosophen fänden sich halt ganz toll. Aber man kann das eben auch demokratisch lesen, und sagen: Philosophieren, das können wir eben irgendwie auch alle Über die wichtigen Dinge nachdenken können wir alle. Vielleicht haben wir sogar auch alle das Bedürfnis, darüber nachzudenken, weil das ja die Dinge sind, um die es am Ende geht und die uns beschäftigen. Und das selbst wenn wir nicht zur letzten Antworten kommen, was ja in der Philosophie immer so ein bisschen frustrierend ist (lacht). Meine Frau ist Mathematikerin und hat da natürlich auch Probleme. Aber sie liebt auch Lösungen und sie findet es immer ganz schwierig, dass ich bei den Problemen stehen bleibe. Mit Aristoteles haben wir auch den Impuls, über die Probleme nachzudenken.

Hendrik: Das stimmt. Und da sind wir auch wieder bei Montaigne. Denn: „Die Philosophie, die als die Bildnerin des Urteils und der Sitten ihr Hauptfach ist, hat das Privileg, überall dabei zu sein“. Eben auch im Matheunterricht, wenn man das so weit begreift. Jetzt mal ganz frech gefragt, vielleicht auch abseits des Zitats- Was entgegnen Sie denn den Schüler*innen, die meinen, Philo sei eben nur so ein Laberfach, nicht auf die Realität anwendbar und ganz allgemein viel zu behaftet von Geschwafel? Was antworten Sie darauf?

Herr Brodkorb: Oh weh, vielleicht wieder mit Aristoteles: „Die Philosophie ist die Nutzloseste aller Wissenschaften, aber sie ist auch die Freieste.“ Vielleicht ist die Übung des Denkens ja auch schon eine Wissenschaft, das Abstrahieren von den konkreten Problemen, ohne sie aus dem Auge zu verlieren. Man muss sicherlich am Ende den Gedanken immer wieder in all seiner Blässe an die Realität zurückbinden, aber vielleicht hat man doch auch was von diesem Schnörkel über den Gedanken, indem man eben die Probleme aus der Realität, aus der Gegenwart – sei es das schulische Problem vom Zeitmanagement bis hin zur zum Klimawandel und zum Gazakrieg – nimmt und damit in die Reflexion, in die Abstraktion geht, die verschiedenen Positionen kennenlernt und gegeneinander abwägt. Um dann natürlich auch wieder zurückzukommen. Zum Problem, zur Wirklichkeit, zum Leben. Und da kommen wir auch wieder an den Eingang des Interviews: Was wir in der Schule und in der Philosophie machen muss etwas mit dem Leben zu tun haben. Meine Erfahrung ist, dass vieles von den großen Antworten, mit denen man sich in der Philosophie beschäftigt, geschrieben von irgendwelchen alten weißen Männern, nur weil sie wirkmächtige Antworten sind, nicht immer richtige Antworten sind. Aber trotzdem sind sie wert sich mit ihnen zu beschäftigen.
Dass man doch relativ schnell drauf kommt, dass sie interessant sind und dass sie was mit mir persönlich zu tun haben. Das bleibt jetzt relativ abstrakt, aber um es konkret zu machen treffen wir uns nochmal für das nächste Interview (lacht).

Hendrik: Sehr, sehr gerne. Eine Frage hätte ich aber noch weil sie irgendwie auch sehr aktuell ist: Bei diesem Philosophieren, bei diesem Einen-Schritt-zurückgehen gibt es ja eine Person, die sehr oft in Talkshows ist und alleine von der Bezeichnung her sich das auch rausnimmt. Richard David Precht, der ja auch in der Kritik stand. Würden Sie sagen, das ist ein richtiger Philosoph oder eher so ein Halbwissenschaftler?

Herr Brodkorb: Um Himmelswillen (lacht). Ich möchte mich jetzt mit mit Herrn Precht, den
ich sicherlich auch als Medienprofi kenne, hier medial nicht anlegen – ich bin natürlich kein Medienprofi. Das Großartige an diesen Figuren ist, dass sie ja genau das machen, den philosophischen Diskurs in die Öffentlichkeit bringen. Wow! Da gibt es Leute, die denken genau über die Dinge nach. Was Inhalte angeht oder Positionen ist ja sozusagen dann auch philosophisches Geschäft oder philosophisches Anliegen, in die Kontroverse zu gehen und sich eben auch manchmal nicht einig zu sein. Aus der Uneinigkeit heraus den Diskurs zu suchen. Den würde ich wahrscheinlich auch mit Herrn Precht suchen. Tatsächlich kenne ich mich nicht so besonders aus mit Herrn Precht. Ich lese lieber Aristoteles. Aber auch Herr Precht würde wahrscheinlich sagen: Lest mal lieber Aristoteles, und dann könnt ihr mich immer noch lesen. Aber besser Precht lesen als als gar nichts. Und Precht schafft ja auch eine Öffentlichkeit für die Philosophie oder Sloterdijk oder die Namen, die eventuell durch die durch die Medien auch mal gehen. Wunderbar. Was für eine großartige Werbung! Und was wir dann damit machen, dabei steigen wir dann in de philosophischen Diskurs ein.

Hendrik: Und ob Buch oder Talkshow – jeder Ort ist als Studierzimmer.

Herr Brodkorb: Letztlich ja.

Hendrik: Und da sind wir wieder bei Montaigne! Vielen herzlichen Dank für das lehrreiche Interview!

Herr Brodkorb: Ja, Hendrik, ich bedanke mich. Dankeschön!


Foto: kostenlos bereitgestellt von http://www.pexels.com

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Alles, was du in der Schule nicht lernst – eine Buchrezension

Buchtitel von „Alles, was du in der Schule nicht lernst“
Buchtitel von „Alles, was du in der Schule nicht lernst“
Buchtitel von „Alles, was du in der Schule nicht lernst“

Als Eltern möchten wir, dass unsere Kinder alles lernen, was sie für ihre Zukunft brauchen werden. Dass die Schule das nicht leistet, oder nicht leisten kann, dürfte uns allen klar sein. Es gibt viele praktische Fähigkeiten, die uns im Leben weiterhelfen, die aber in der Schule fast immer vernachlässigt werden, die wir dennoch im Leben brauchen. Genau hier setzt das Buch „Alles, was du in der Schule nicht lernst“ von Catherine Newman an.

Das Buch ist für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren geschrieben und enthält 65 verschiedene Fähigkeiten, die ihnen im täglichen Leben weiterhelfen werden. Diese Fähigkeiten reichen von einfachen Dingen wie „wie man Knoten bindet“ bis hin zu komplexeren Aufgaben wie „wie man ein Formular ausfüllt“. Die Fähigkeiten sind in kurzen Kapiteln beschrieben und werden von schönen Illustrationen (gezeichnet von Debbie Fong) begleitet, die das Verständnis erleichtern.

Alles, was du in der Schule nicht lernst – eine Buchrezension weiterlesen