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Ins Gehirn flüstern – Pädagogik aus neurobiologischer Sicht

Ins Gehirn flüstern“ – Unter diesem Titel erlebte ich am 9.5.14 einen 40 minütigen Impulsvortrag von Dr. Gregor Kern auf einer DIHK-Bildungs-GmbH-Veranstaltung. Gregor Kern brannte ein Feuerwerk ab, das einen mitriss, aber auch latent überforderte. So viel Information in so kurzer Zeit.

Ins Gehirn flüstern – Sketchnote 1
Ins Gehirn flüstern – Sketchnote 1

Als es nun hieß, dass er am 4.11.15 bei uns in Würzburg ist, um thematisch das Gleiche in einem Ein-Tages-Seminar mit unseren Dozenten zu erarbeiten, fragte ich gleich bei meinem Chef an, ob ich daran teilnehmen dürfe. Und er sagte nicht nur zu, sondern setzte gleich sich selbst und drei weitere Kolleginnen auch noch mit in die Veranstaltung.

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Adaptives E-Learning für alle? INTUITEL

Als registrierter Besucher der Learntec erfuhr ich im Mai von der Abschluss-Konferenz des Projektes INTUITEL am 18. Juni 2015 in Karlsruhe. Und die Beschreibung klang so spannend, dass ich mich anmeldete. Und es war tatsächlich eine kleine, aber feine Veranstaltung.
INTUITEL steht für „Intelligent Tutoring Interface For Technology Enhanced Learning“ und das beschreibt ziemlich genau, um was es hierbei geht. Es handelt sich um eine Software, die als PlugIn bestehende Open-Source-Lernplattformen wie MOODLE oder ILIAS in eine komplette adaptive E-Learning-Umgebung verwandelt.
Über adaptive Lernumgebungen wurde schon viel geschrieben. Aber viele Lösungen gibt es derzeit noch nicht. Und bei diesen wenigen handelt es sich um teure proprietäre Lösungen. Ganz anders INTUITEL. Zum einen lässt es sich, wie schon oben erwähnt, in bestehende Lösungen integrieren. (Sicher, es müssen einige technische Voraussetzungen erfüllt werden. Aber meiner Eins

INTUITEL Conference
INTUITEL Conference

chätzung nach, handelt es sich hierbei um weit verbreitete Standards.) Zum anderen ist es zumindest derzeit noch kostenlos.
Entwickelt wurde es von Mitarbeitern der Fachhochschule Karlsruhe, unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Henning. Finanziert wurde das Projekt durch Europäische Fördergelder.
Ganz so Plug-And-Play funktioniert es dann allerdings doch nicht. Denn die Inhalte, die Contents, müssen sich schon für eine adaptive Lösung eignen. Das heißt, dass die Lerninhalte in kleine Häppchen aufgeteilt sein sollten und möglichst auch unterschiedliche Formate des gleichen Inhalts vorhanden sein sollten (was Inhaltstiefe, didaktische Aufbereitung, aber auch durchaus Medienformat (Text, Audio, Video) betrifft).
Erst dann kann die eigentliche Arbeit im Backend von INTUITEL beginnen. Hier kann man nämlich die Inhalte zu so genannten Learning Paths verknüpfen. Diese Verknüpfung benötigt das System, um sinnvolle Vorschläge unterbreiten zu können. Außerdem werden die einzelnen Komponenten mit Metadaten angereichert.
In der Demoversion arbeitet die Software mit einem Standard-Lerner-Profil. In der Vollversion können hier weitere Einstellungen vorgenommen werden.
In der Praxis sieht das Ganze Setting für den Lerner dann so aus: Er loggt sich ganz normal in seine Lernplattform ein. Er kann dann entweder ganz normal die Contents der Reihe nach, wie sie im System hinterlegt sind, abarbeiten. Oder er navigiert über das INTUITEL-Fenster. Je nach Lernumgebung kann es per Knopfdruck ein- und ausgeblendet werden, oder es ist fest in das Layout der Lernplattform integriert. Die präsentierten Vorschläge sind nicht statisch, sondern werden live produziert und ändern sich durch die Interaktionen. Eben echt adaptiv.
Auch wird nicht nur der eine „richtige“ Vorschlag präsentiert, sondern immer mehrere, unter denen der User auswählen kann. Hier wäre eine kleine Beschreibung sicher noch ganz hilfreich. Aber das System befindet sich ja immer noch in der Entwicklung. Allerdings bekommt man bereits Bewertungen in Form von Sternen (null bis fünf).
Insgesamt ist INTUITEL ein sehr spannender Ansatz, den ich sicher weiter mitverfolgen werde.
Weitere Infos über: Website von INTUITEL

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Warum viele Lernmethoden versagen

Eine amerikanische Studie beschäftigte sich mit der Effektivität von Lernmethoden: Von Unterstreichen von Textpassagen, über das Schreiben von Zusammenfassungen bis hin zum Lösen von Aufgaben. Welche Methoden sind beliebt? Und wie effektiv sind sie?

Amerikanische Psychologen bewerteten in einer Studie insgesamt zehn Lernmethoden. Es gibt sicher noch mehr Methoden. Die Forscher beschränkten sich jedoch bewusst, damit die Studie durch ihre Übersichtlichkeit auch praktische Relevanz besitzt. Es fanden bei Lernenden beliebte Methoden Eingang, aber auch solche, bei denen bereits absehbar war, dass sie gut funktionieren. Die Forscher führten keine eigenen Tests durch, sondern stellten vorhandenes Material zusammen.

Gerade die bei Lernern beliebtesten Methoden schnitten jedoch eher schlecht ab:

Markieren
Markieren

Markieren und Unterstreichen

Diese Methode ist bekannt und beliebt. Mit Leuchtmarkern hebt der Lerner die Schlüsselwörter eines Textes hervor. Diese Methode ist leicht einzusetzen und benötigt kaum mehr Zeit als reines Lesen. Bei reinen Faktentexten hilft sie ein wenig, jedoch ist die Eigeninitiative der Lerner gering und es wird häufig viel zu viel angestrichen. Insgesamt empfehlen die Forscher diese Methode nicht.

Zusammenfassungen schreiben

Hierbei ist die eigene Leistung des Lerners deutlich höher als beim Markieren und Unterstreichen. Häufig enthalten die Zusammenfassungen jedoch nicht die Kernaussagen. Das Schreiben von guten Zusammenfassungen ist eine Kunst! Der Aufwand, der zunächst in das richtige Erlernen der Technik gesteckt werden muss, und der Zeitaufwand der Technik selbst rechtfertigt nicht die Ergebnisse.

Zusammenfassungen schreiben
Zusammenfassungen schreiben

Wiederholtes Lesen

62 Prozent der College-Studenten lesen während ihrer Lernphase Texte oder Textabschnitte mehr als einmal. Der erwünschte Erfolg bleibt jedoch meistens aus. Das wiederholte Lesen hat einen Einfluss auf den Lernerfolg. Der Lerneffekt insgesamt ist geringer als bei anderen Lernmethoden und der Zeitaufwand, der für das erneute Lesen nötig ist, steht meist in keinem Verhältnis zum Mehrwert.

Schlüsselwort-Mnemonik

Es gibt sehr viel Material zu dieser Methode. Daher beschränkt sich die vorliegende Studie auf den Einsatz für das Erlernen fremdsprachlicher Vokabeln und das Lernen von Textmaterial. Die Technik besteht darin, sich zu einem zu merkenden Wort ein einprägsames, gedankliches Bild zu machen, das ähnlich wie das Zielwort klingt.

Untersuchungen in realen Situationen erbrachten indifferente Ergebnisse bei verschiedenen Gruppen. Außerdem sei das Konstruieren von geeigneten Schlüsselwörtern und das Erlernen der Technik sehr zeitaufwändig. Daher empfehlen sie auch diese Technik nicht.

Schlüsselbild-Mnemonik
Schlüsselbild-Mnemonik

Bildhaftes Lernen

Beim Bildhaften Lernen stellt man sich zu dem zu lernenden Stoff mentale Bilder vor. Die Methode hat durchaus einen positiven Effekt. Dieser wird jedoch durch reales Aufzeichnen der Bilder gestört. Das Erzeugen von mentalen Bildern ruft einen besseren Lerneffekt hervor, wenn die Texte gehört, statt selbst gelesen werden. Die Ergebnisse mit unterschiedlichsten Lernern sind sehr gemischt. Das Erinnerungsvermögen wird durch diese Methode verbessert, nicht jedoch das Textverständnis. Auch waren die Erfolge stets stark vom zu lernenden Textmaterial abhängig. Die Methode scheint besser bei Texten zu funktionieren, die sich leicht in Bilder umwandeln lassen. Insgesamt empfehlen die Wissenschaftler diese Methode nicht.

Im Mittelfeld lagen die folgenden Methoden:

Erklärung hinterfragen

Bei dieser Methode geht der Lernende mit „Warum-Fragen“ an den Text heran. Dies bewirkt einen hohen Lerneffekt, da durch die Frage bekannte Schemata aufgerufen und das Neue mit Bekanntem verknüpft, oder von ihm abgegrenzt und eingeordnet wird. Die existierenden Studien beziehen sich eher darauf, gelernte Fakten abzurufen, wie gut das Gelernte frei eingebunden wird oder wie hoch der Verständnisgrad ist, wurde bisher kaum untersucht. Auch Ergebnisse über Langzeiteffekte fehlen.

Bisher wurde der Effekt vor allem in Laborumgebung getestet. Für die Technik spricht, dass sie einfach zu erlernen und einzusetzen ist; zumindest beim Lernen von klar begrenztem Faktenwissen. Wird das Lerngebiet umfangreicher und komplexer, ist häufig nicht klar, welche „Warum-Fragen“ sinnvoll zu stellen sind.

Sachverhalte selbst erklären

Die Methode „Sachverhalte selbst erklären“ ist der Methode „Erklärung hinterfragen“ sehr ähnlich. Die Fragestellungen unterscheiden sich. Während „Erklärung hinterfragen“ auf konkrete, beschränkte Sachverhalte eingeht, geht es bei „Sachverhalte selbst erklären“ eher um die größeren Zusammenhänge. Die Methode eignet sich scheinbar für die verschiedensten Materialien: Von mathematischen Themen bis hin zu Textarbeit scheint sie positive Lerneffekte zu erzeugen. Ebenso sind die Ergebnisse positiv über die unterschiedlichen Prüfungsverfahren hinweg: Egal ob Multiple Choice, freies Erinnern, gestütztes Erinnern. Auch hier fehlen Erkenntnisse über Langzeiteffekte. Auch wurde die Brauchbarkeit in realem Umfeld kaum getestet.

Verschachteltes Üben

Beim verschachtelten Üben werden in einer Lernsession verschiedenartige Lerninhalte zusammengefasst, was zunächst bei den einzelnen Lernsessions zu schlechteren Ergebnissen führt. Das verschachtelte Üben kann nicht direkt beginnen. Bevor man mit dem Wechsel von Lernblöcken beim Üben anfangen kann, muss ein gewisses Grundwissen vorhanden sein. Verschachteltes Üben existiert kaum in Reinform, sondern tritt meist in Kombination auftritt. Es scheint bei Themen besser zu funktionieren, die eher konzeptbasiert sind oder mehr Transfer benötigen. Bei reinen Lernthemen schnitt das verschachtelte Üben häufig nicht besser ab als andere Methoden.

Positiv bewertet: Für erfolgversprechend und damit empfehlenswert halten die Forscher lediglich zwei der zehn Methoden:

Lösen von Aufgabenstellungen

Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu dieser Lerntechnik. Die Ergebnisse waren durchweg positiv. Das gezielte Lösen von Aufgabenstellungen aktiviert das Gehirn und sorgt für eine Verankerung des Stoffs: Reflexionsfragen, die es häufig am Ende eines Lernkapitels gibt, das immer häufiger zusätzlich angebotene digitale Testmaterial, selbsterstellte Test und besonders Altklausuren. Erhält der Lerner bei den (Selbst)Tests in der Lernphase Feedback über Richtigkeit der gegebenen Antworten, steigert dies den Effekt noch einmal deutlich.

Verteiltes Üben
Verteiltes Üben

Verteiltes Üben

Häufig lernen Schüler und Studenten „auf den letzten Drücker“ und versuchen dann, alles Wissen in kurzer Zeit aufzunehmen. Dass dies nicht effektiv ist dürfte jedem klar sein. Sinnvoller ist, den Lernstoff in kleinere Einheiten aufzuteilen. Und es ist günstiger, längere Pausen – von bis zu mehreren Tagen – zwischen den einzelnen Lernthemen einzulegen. Das größte Problem in der Praxis dürfte sein, dass die Lernmaterialien (in Schulen) selten so aufgebaut sind, dass sie verteiltes Lernen unterstützen. Hierzu müssten bereits in den Büchern Wiederholungsschleifen eingebaut sein.

Insgesamt bewerten die Autoren diese Methode des Lernens als sehr effektiv.

Folgerungen für Lernende, Lehrer und Lernleistungen

Diese Untersuchung soll einen Überblick über Lerntechniken und ihre Nützlichkeit geben. Viele Lerner kennen keine unterschiedlichen Methoden und/oder können ihre Nützlichkeit nicht beurteilen. Daher verwenden sie oft wenig geeignete Methoden.

Auch viele Lehrer kennen diese Methoden nicht. Es herrscht immer noch die Ansicht vor, dass Wissen vermittelt wird. Dass der Lehrer also Wissen hat, das er lediglich von sich geben muss. Aber die Art und Weise, WIE es vermittelt werden soll, wird viel zu wenig beachtet und den Lehrern beigebracht.

Hier sind die Lehrer gefragt, sich selbst weiterzubilden. Sie sollten Schüler immer wieder darauf aufmerksam machen, sie ermuntern, geeignete Lerntechniken anzuwenden. Aber sie sollten sie auch darin anleiten und die Lerntechniken aktiv im Unterricht einsetzen.

Nicht alle Lernmethoden sind für alle Lerner gleichermaßen geeignet. Auch sollten sie sich nicht durch schlechte Bewertungen einzelner Methoden in dieser Studie abschrecken lassen. Nur weil eine Methode „universell betrachtet“ schlecht abgeschnitten hat, bedeutet das nicht, dass sie für einen bestimmten Lerner und für einen bestimmten Sachverhalt auch ungeeignet ist. Dies gilt es jeweils im Einzelfall zu betrachten.

Durch die bewusste Auseinandersetzung mit diesem Thema können Lernende die für sie geeigneten Strategien entwickeln. Diese Studie kann ein guter Ausgangspunkt dafür sein.

[hr]

Die Originalstudie ist über 40 Seiten lang. Meine Übersetzung und Zusammenfassung ist zwar deutlich kürzer, aber immer noch zu lange für einen Blogbeitrag. Bei Interesse habe ich das Dokument jedoch als PDF hinterlegt.

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Von Klausuren und Lernen

Montag, 9.3.15, 13:30 Uhr, Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg. Gebäude der Wirtschaftswissenschaft. Im Gang vor Hörsaal 1.

Es ist ziemlich still. Nachmittags, kurz

vor zwei ist nicht gerade der große Run auf Vorlesungen. Einige leicht ängstlich dreinblickende Menschen drücken sich auf dem Gang vor dem Hörsaal herum. Einige starren vor sich hin. Einige schauen noch einmal in die Unterlagen der Fernuni Hagen.

Auch ich bin da. Ich gehöre eher zu den Starrern. Meine Unterlagen habe ich gar nicht erst dabei. Die werden mir jetzt in der Prüfung auch nichts mehr nützen. Lässige Angespanntheit. Ich mache mir nicht viel Hoffnung, die Prüfung schaffen zu können. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, vor allem auf die Klausur aus Modul 1A zu lernen. Und die lief in der vorangegangenen Woche ganz gut. 1B hatte ich in den Wind geschrieben. Lieber eine sicher schaffen, als dann beide zu verhauen.

Die Metalltür geht auf. Wir dürfen rein. Ein relativ kleiner Hörsaal. Platz für 200 bis 300 Studenten? Ich bin schlecht darin, so etwas abzuschätzen. Wie im Kino die Sitzplätze treppenförmig angeordnet. Wie auch schon in der Woche zuvor freie Platzwahl. Zumindest für alle Nicht-Psychologen. Den Psychologen sind die Plätze mittels roter Zettel zugewiesen. Auch diesmal stellen die Psychologen die deutliche Mehrzahl der Prüflinge.

Auch diesmal wieder unbequeme, gelb lackierte Holzklappsitze und Holzklapptischchen. Egal. Es ist für maximal vier Stunden. Ich suche mir einen Platz mittig, rechts außen. Dann kann man auch mal auf die Toilette, ohne fünf Leute aufscheuchen zu müssen.
Ich richte mich häuslich ein. Wasserflasche. Bananen. Studentenfutter. Schreibzeug. Dann hole ich mir unten bei der Prüfungsaufsicht meine Unterlagen, einen beigen C4-Umschlag mit orangem Streifen, und begebe mich zurück auf meinen Platz. Da ich nichts zu verlieren habe und auch nicht glaube, gewinnen zu können, bin ich ruhig.

Friedrich-Alexander-Universität
Friedrich-Alexander-Universität

Schlusspunkt des Semesters

Dies ist der Schlusspunkt meines ersten Semesters. Es lief ganz anders ab, als ich das erwartet hatte. Viel zu lange hatte ich gebraucht, bis ich endlich meinen Rhythmus gefunden hatte, bis ich wusste, wie ich das Ganze angehen soll. So ein geisteswissenschaftliches Studium ist etwas anderes als ein Design-Studium und noch einmal ganz anders als ein naturwissenschaftliches Studium.

Der erste Knackpunkt war das Verstehen der Texte. Teilweise sind diese in einer schrecklichen Sprache verfasst: Hauptsatz, zig Nebensätze, Einschubsätze, Fußnoten, Verweise. Man weiß am Ende des Satzes nicht mehr, was am Anfang stand. Und dann ständig – größtenteils völlig überflüssige – Fremdwörter. Wissenschaftssprache ist ja in Ordnung, teilweise ist sie sicher auch nötig, um möglichst eindeutig und präzise zu beschreiben. Aber vielfach ist es meines Erachtens einfach das Unvermögen der Autoren, sich klar auszudrücken. Aber egal. So sind nun einmal die Texte. Und die gilt es zu lesen und möglichst zu verstehen.

Für mich fand ich dann ein zweistufiges System: Ich sprach erst alle Skripte komplett als Hörbücher ein. Danach begann ich, die Inhalte herauszuarbeiten, bei den ersten Kapiteln als Mindmaps, später als Sketchnotes; mal mit mehr grafischen Umsetzungen, mal mit weniger.
So verrückt oder übertrieben es auch klingt, nicht nur Zusammenfassungen, sondern die kompletten Skripte zu vertonen, mir hat es extrem geholfen. Beim stillen Lesen schweiften meine Gedanken immer wieder ab. Ich konnte mich teilweise kaum aufraffen, einen Text durchzulesen. Anders beim Lautlesen. Hier wurde das Lesen zu einem mechanischen Vorgang. Und ich hatte danach etwas quasi Anfassbares in Händen, nämlich eine Audiodatei. Und anhand derer konnte ich genau meinen Fortschritt sichtbar machen. Ein weiterer positiver Effekt war, dass ich diese Audiobooks dann außerhalb meiner offiziellen Lernzeit anhören konnte: Beim Sport, bei längeren Autofahrten. Keine besonders intensive Beschäftigung mit dem Stoff, aber doch immer wieder ein bisschen.
Der zweite Schritt, das Umsetzen in Mindmaps oder Sketchnotes war dann wichtig für das Verständnis. Ich stellte es auch immer wieder beim Anhören der Audiobooks fest. Hatte ich ein Kapitel „grafisch“ umgesetzt, hatte ich den Inhalt verstanden, konnte ich dem Hörbuch viel besser folgen. Es hatte dann nochmal einen sehr hohen Lerneffekt.
Zentrale Passagen, Übersichten, tabellarische Aufstellungen, Definitionen zog ich mir dann immer wieder heraus und schrieb/zeichnete sie auf DIN-A5-große Zettel, die ich überall in der Wohnung aufhängte. Jedes Mal, wenn ich an einem solchen Zettel vorbeikam, schaute ich darauf. So konnte ich im Vorbeigehen einiges mitnehmen, vertiefen, wiederholen.

Diese Lerntechniken waren mir alle schon bekannt. Die Reihenfolge war für mich das Entscheidende. Am Anfang des Semesters schaffte ich es einfach nicht, mich regelmäßig hinzusetzen und zu lernen. Das war der wesentliche Punkt. Ich musste eine Möglichkeit finden, mich regelmäßig hinzusetzen. Und da half mir eben das Hörbucheinsprechen. Das laut Sprechen war deutlich angenehmer als das leise Lesen. Es machte mir dann irgendwann richtig Spaß. Und das ist das entscheidende. Irgendwie muss man es erreichen, dass einem das Lernen, oder ein Teilaspekt davon Spaß macht. Denn dann setzt man sich regelmäßig hin und es es nicht nur eine Qual, man muss sich nicht selbst dahin prügeln. Aber genau dieses „den Spaßfaktor rauskitzeln“ hat einige Zeit bei mir gedauert.

Planung

Weiter war wichtig, eine solide Planung zu machen. Auch das lernte ich im Laufe des Semesters. Anfangs nahm ich mir zu viel vor. Und das Nicht-Schaffen demotivierte mich, so dass ich dann noch weniger schaffte.

Außerdem half es mir, möglichst konkret in der Planung zu sein. „Zehn Seiten“ ist einfach nicht so griffig wie „Teilkapitel 2.1 über Bourdieus“. Auch schrieb ich gegen Ende nicht nur auf, wie viel ich schon geschafft hatte, sondern wie viel ich noch vor mir habe. Gerade als dann die Hälfte überschritten war, hat das unheimlich motiviert. Auch hier war wieder das Sichtbarmachen des Fortschritts wichtig. Ich wollte möglichst viele grüne Haken und möglichst wenig rote Kreuze in meinen Checklisten.

Der nächste Aspekt war dann das gemeinsam Lernen. Ich wollte das gern schon während des Semesters, aber das hat nie geklappt. In der Klausurphase fand ich dann endlich Anschluss. Die Treffen liefen über Skype. Anfangs war ich etwas skeptisch, aber das klappte wirklich super. Kann ich nur empfehlen. Wir trafen uns ein-, zweimal pro Woche ein, zwei Stunden, sprachen ein konkretes Kapitel durch. Später teilten wir es uns auf und jeder stellte dem anderen ein Kapitel vor, das er vorbereitet hatte. Ich weiß, auch das ist absolut nichts Neues. Aber es einfach zu tun half. Hier kommt der soziale Aspekt zum tragen. Man verpflichtet sich jemand anderem und überwindet den inneren Schweinehund.

Ich hatte Glück. Meine Lernpartnerin und ich waren auf einem ähnlichen Niveau; außerdem hat es auch von der Chemie gestimmt. Es machte Spaß. Zwei Faktoren, die man nicht unterschätzen sollte. Zum einen glaube ich, dass die Zweiergruppe eine viel bessere Variante als eine größere Gruppe ist. Zum anderen ist die Sache mit dem Niveau unheimlich wichtig. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und nicht dem anderen demonstriert wie toll wir sind und wie schlecht der andere ist.

YouTube

Ein weiterer Faktor war noch YouTube. Auch das keine neue Erkenntnis. Aber auch hier: Man muss es einfach tun. Es gibt auf YouTube fast alles. Zu den allermeisten Kapiteln im Skript fand ich etwas. Klar sind die Videos nicht erschöpfend. Aber mehr als ein Mal haben sie mir den Einstieg in ein Thema gebracht oder auf ganz einfache Weise erklärt, was im Skript unnötig kompliziert stand.
Zu guter Letzt Stichwort Lernjournal. Ich begann, in einer geschlossenen Gruppe ein Lernjournal zu führen, also aufzuschreiben, was ich für den einzelnen Tag geplant hatte und was tatsächlich passierte. Dies hat zweierlei Effekt: Zum einen musste ich recht genau planen, was ich vorhatte zu lernen. Zum anderen war dort dann zu lesen, was ich tatsächlich gemacht hatte. Allein das hilft schon, den Überblick zu bewahren und zu sehen, wie gut man vorankommt, wo die Schwierigkeiten liegen. Allerdings darf man auch den sozialen Aspekt nicht vergessen. Man hält das nicht für sich allein fest, sondern auch andere schauen darauf, geben unterstützende oder auch mal kritische Kommentare.

Alles in allem fand ich – wenn auch sehr spät – meinen Rhythmus und ich fiebere schon richtig dem neuen Semester entgegen. Jetzt weiß ich, wie es (für mich) geht und ich werde es vom ersten Tag an einsetzen.

Hörsaal 1
Hörsaal 1

Die Klausur beginnt. Ich lese mir einige der Fragen durch und bin erstaunt, auf wie viele mir sofort etwas einfällt. Sollte ich vielleicht doch eine Chance haben? Keine Frage, zu der mir nicht wenigstens ein bisschen was einfällt. Erstaunlich.

Jetzt, drei Wochen später warte ich auf die Ergebnisse, warte auch auf die neuen Skripte. Habe ich beide Klausuren geschafft? Nur eine? Welche Noten werde ich haben. Wir werden sehen. So oder so. Das nächste Semester beginnt und ich bin guter Dinge, es diesmal besser zu machen.